Donnerstag, 24. Januar 2019

Kanzlerin Merkel im ZEIT-Interview

"Parität erscheint mir logisch"

Interview mit:
Angela Merkel

Im Interview mit der Autorin Jana Hensel für DIE ZEIT spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel über Feminismus, das Regieren als Frau und die mangelnde Anerkennung für die Lebensleistung vieler Ostdeutscher.

Bundeskanzlerin ANgela Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel Foto: Stefan Boness / VISUM

Der Nachmittag ist mild und grau in Berlin, in der Nacht zuvor hat das britische Unterhaus gegen den Brexit-Deal von Theresa May gestimmt. Die Wachleute an der Pforte des Kanzleramts sind freundlich, der Chef der Presseabteilung geleitet den Fotografen Dominik Butzmann und ZEIT-Mitarbeiterin Jana Hensel mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock, Regierungssprecher Steffen Seibert kommt hinzu, und beinahe auf die Sekunde genau zum vereinbarten Termin darf man ins Büro der Bundeskanzlerin eintreten.

Angela Merkel wirkt konzentriert und ruhig, vielleicht ein wenig angespannt. Nicht wegen des Interviews, eher wegen des schiefgegangenen Brexit-Deals. Aber in diesem Gespräch soll es mehr um die Kanzlerin persönlich gehen. Merkel bittet, an dem langen Konferenztisch Platz zu nehmen, und schenkt Kaffee ein. 45 Minuten sind verabredet. Exakt 45 Minuten später ist die Unterhaltung zu Ende.

"Alle meine Wurzeln sind mir wichtig, die ostdeutschen gehören auch dazu"

DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, als Sie verkündet hatten, sich vom CDU-Vorsitz zurückzuziehen, habe ich in der ZEIT einen sehr persönlichen Abschiedstext geschrieben – auch darüber, wie wichtig Ihre Kanzlerschaft gerade für viele ostdeutsche Frauen ist. Mögen Sie es, aus ostdeutscher Perspektive betrachtet zu werden?

Angela Merkel: Genauso wie ich es mag, als Frau betrachtet zu werden oder als über 60-Jährige. Die DDR ist Teil meiner Biografie. Ich bin nun einmal nicht im Westen aufgewachsen, aus der Perspektive also kann man mich nicht beschreiben.

ZEIT: Sind Ihre ostdeutschen Wurzeln Ihnen wichtig?

Merkel: Alle meine Wurzeln sind mir wichtig, die ostdeutschen gehören auch dazu. Weder trage ich sie den ganzen Tag vor mir her, noch verleugne ich sie.

ZEIT: Ich war nach dem Erscheinen meines Textes überrascht, wie viele Frauen mir geschrieben haben, denen Sie wichtig sind. Ist Ihnen klar, dass viele Frauen in unserem Land eine besonders emotionale Beziehung zu Ihnen aufgebaut haben?

Merkel: Nein, das ist mir nicht so klar. Ich spüre eine gewisse Anerkennung dafür, dass ich versuche, meine Arbeit ordentlich zu machen, aber ich erzeuge bei anderen auch viele negative Emotionen. Beides kann von Frauen wie von Männern kommen. Das war schon während der Euro-Krise so – und in der Flüchtlingsfrage auch. Da zog ich genauso die Pfeile auf mich, wie es einem Mann passiert wäre. Ich glaube nicht, dass Frauen generell andere Frauen bewundern. Auch unter Frauen gibt es mitunter harte Emotionen.

ZEIT: Aber für viele Frauen sind Sie ein Vorbild. Nur ist es eine eher schweigsame Schwesternschaft: Sie selbst wenden sich eher selten an die Frauen.

"Ich möchte mich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken"

Merkel: Ich wende mich selten nur an die Frauen, ich bin ja auch nicht allein die Bundeskanzlerin der Frauen in Deutschland, sondern die Bundeskanzlerin aller Menschen in Deutschland. Ich bin mir außerdem gar nicht sicher, ob die Frauen immer erwarten, dass ich mich besonders an sie wende. Natürlich: Wenn man in seinem Beruf dort angekommen ist, wo ich es bin, steht man im Rampenlicht. Dass Frauen sich mit mir vergleichen, ergibt sich dann daraus, dass ich eine Frau bin und andere Frauen mitunter auch vor schwierigen Aufgaben stehen. Da brauche ich mich gar nicht speziell an sie zu wenden.

ZEIT: Sie glauben, Sie kommunizieren mit Frauen unterbewusst oder indirekt?

Merkel: Nein, nicht unterbewusst. Automatisch. Wenn ich etwas sage oder tue, sage oder tue ich es nun einmal als Frau.

ZEIT: Vor genau zehn Jahren haben wir schon einmal hier in Ihrem Büro gesessen und über Feminismus gesprochen. Sehr zaghaft, wie mir beim Wiederlesen des Gespräches schien. Als eine Feministin wollten Sie sich damals nicht bezeichnen.

Merkel: Für mich sind Frauen wie Alice Schwarzer Feministinnen. Oder Marie Juchacz, die gemeinsam mit anderen vor 100 Jahren das Frauenwahlrecht erkämpft hat. Ich möchte mich nicht mit falschen Lorbeeren schmücken. So sehr, wie sie ihr Leben lang für Frauenrechte gekämpft haben, kann ich das von mir nicht sagen. Aber natürlich musste ich als Frau wie jede andere meinen Weg finden, damit wir eines Tages wirklich zu einer Parität der Geschlechter finden. Nicht erst als Bundeskanzlerin, schon als Physikerin habe ich mit vielen Männern zusammengearbeitet. Parität in allen Bereichen erscheint mir einfach logisch. Das muss ich nicht dauernd extra erwähnen.

ZEIT: Aber das ist doch eine gewaltige Entwicklung! Einen Begriff wie Parität selbstbewusst und beinahe selbstverständlich zu benutzen, das macht Sie doch zur Feministin!

Merkel: Auf dem G20-Frauengipfel hat die niederländische Königin Máxima eine Definition für Feminismus gefunden, der ich mich anschließen kann: Für sie ist es Feminismus, wenn ich dafür bin, dass Männer und Frauen die gleichen Lebenschancen haben.

"Man muss sich auf Sachaufgaben konzentrieren"

ZEIT: Sind Sie im Amt zur Frau geworden?

Merkel: Nein, im Amt sicherlich nicht, ich war ja schon vorher eine Frau.

ZEIT: Aber ist es Ihnen bewusster geworden?

Merkel: Das würde ich auch nicht sagen. Schon als Physikstudentin habe ich Männer an der Uni als sehr dominant erlebt. In der Politik hat sich das noch einmal anders dargestellt. Mein Blick für Benachteiligungen, die auf Frauen zukommen, hat sich geweitet, weil ich Einsichten in sehr viele Lebensbereiche bekam. Und ich habe diesen Blick auch aufmerksam schweifen lassen, schon weil ich zu Beginn Frauenministerin war. Dieses Interesse hat mich nie wieder verlassen.

ZEIT: Ist in Ihnen doch die Einsicht gereift, dass es einen Makel darstellt, eine Frau zu sein?

Merkel: Ein Makel ist es in keiner Weise. Aber natürlich erleben wir Nachteile. Man erwartet heute einerseits, richtigerweise, dass Frauen in allen Bereichen vertreten sind. Und dass diese Diversität, wie man so schön sagt, uns bereichert. Aber andererseits gibt es natürlich Bereiche, in denen es Frauen schwerer haben, weil sie dort erst einmal neue Muster prägen müssen. In einem Punkt hatte ich es in der Politik als Frau sogar leichter. Von einem Bundeskanzler wird traditionell erwartet, dass die Frau an seiner Seite sich ehrenamtlich engagiert. Bei mir und meinem Mann war das nicht so. Er geht seiner Arbeit als Wissenschaftler nach, und ich mache meine. Und das ist schneller akzeptiert worden, als wenn es – wie bislang immer – der umgekehrte Fall gewesen wäre.

"Eine wirkliche Gleichberechtigung gab es auch in der DDR nicht"

ZEIT: Trotzdem mussten Sie zum ersten Mal definieren, was es bedeutet, Bundeskanzlerin zu sein.

Merkel: Gott sei Dank sind nicht alle Dinge des Lebens für einen Mann anders. Eine Amtsführung hat auch geschlechtsneutrale Komponenten. Aber natürlich, beispielsweise das äußere Erscheinungsbild, wie verhält man sich...

ZEIT: ...wie verhandelt man als Frau mit Männern, wie kommuniziert man vor allem in Konfliktsituationen...

Merkel: ...eine Frauenstimme ist nicht so dunkel und kräftig wie eine Männerstimme. Autorität auszustrahlen ist für eine Frau etwas, das man erst lernen muss. Und natürlich gab es dann auch noch die Diskussion darüber, wie ich mich kleide.

ZEIT: Auch das: Ihr Stil ist zu Beginn Ihrer Amtszeit eine ganz komplizierte Frage gewesen. Ich weiß, das hören Sie nicht gern, aber ich würde sagen, Sie sind in der Klärung all dieser mitunter kleinen, mitunter großen Fragen zum wichtigsten weiblichen Role-Model der Gegenwart geworden.

Merkel: Na ja, das ist ein wenig übertrieben. Dazu haben auch andere Frauen in der Politik erheblich beigetragen: Hillary Clinton, Theresa May. Margaret Thatcher war weit vor unserer Zeit. Und auf einer ganz anderen Ebene hat auch die Queen über die Garderobe viele Dinge definiert. Aber einen Beitrag habe ich auch dazu geleistet. Ganz automatisch.

ZEIT: Ganz automatisch?

Merkel: Manche Dinge erregen einfach Aufmerksamkeit. Für einen Mann ist es überhaupt kein Problem, hundert Tage hintereinander einen dunkelblauen Anzug zu tragen, aber trage ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer, dann erzeugt das Bürgerpost.

"Man muss als Politikerin oder Politiker einstecken können"

ZEIT: Wer schreibt Ihnen denn da?

Merkel: Da schreiben einfach Menschen.

ZEIT: Was? "Frau Bundeskanzlerin, können Sie sich nicht einmal etwas Ordentliches anziehen?"

Merkel: Nein, das schreiben sie nicht, aber es fällt ihnen auf. Und mit solchen Reaktionen muss ich natürlich umgehen.

ZEIT: Den Chauvinismus, den Sie im Amt erlebten, haben Sie jedoch nie thematisiert?

Merkel: Nein, das ist eine grundsätzliche Einstellung. Ich glaube, dass man als Politikerin oder Politiker einstecken können muss, dass man diesen Beruf nur ausüben kann, wenn man nicht zu schnell getroffen ist. Man muss sich auf die Sachaufgaben konzentrieren. Den Rest nehme ich zur Kenntnis.

ZEIT: Ihre pragmatische Art, mit solchen Fragen umzugehen, erschien mir stets als eine ostdeutsche Prägung. Auch Ihr Selbstbewusstsein als Frau, ist das etwas Ostdeutsches?

Merkel: Da bin ich sehr zurückhaltend. Eine wirkliche Gleichberechtigung gab es auch in der DDR nicht. Dass nie ein Vollmitglied des Politbüros weiblich war, dass es keine Kombinatsleiterin gab, das zeigte doch, dass dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen wurden, Männer saßen. Sicherlich gab es eine pragmatischere Einstellung zu technischen Berufen, aber das hing auch mit der staatlichen Lenkung zusammen. Ob all die Frauen aus freien Stücken Ingenieurtechnik und Zerspaner studiert oder gelernt hätten? Da bin ich mir nicht sicher. Das lag doch eher am Fachkräftemangel und an der überhaupt mangelnden Effizienz der DDR-Wirtschaft.

ZEIT: Sie glauben, weil in der DDR alles staatlich gelenkt wurde, fiel es der Gesellschaft leichter, klassische Rollenmuster aufzubrechen?

Merkel: Ja, das würde ich so sagen. Natürlich war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr viel selbstverständlicher. Aber wenn man hinter die Kulissen geschaut hat, wurde schnell klar, dass die Erziehungs- und Hausarbeit sehr stark an den Frauen hängen blieb. Kombinatsdirektoren und Politbüro-Mitglieder waren eben Männer, und das waren natürlich auch die prägenden Rollenmodelle. Da war die DDR nicht vorbildlich, finde ich.

ZEIT: Aber Frauen haben viel stärker am Arbeitsmarkt partizipiert.

Merkel: Das stimmt, und das hat natürlich das Selbstverständnis der Frauen geprägt. Aber man war eben auf die Frauen auch angewiesen, man brauchte ihre Arbeitskraft. Und es war ein subtiles Instrument, um zu verhindern, dass aus irgendeiner Gruppe der Gesellschaft jemals Widerstand hätte kommen können.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Merkel: Na ja, wer jeden Tag arbeiten ging und einem Kollektiv angehörte, war unter Beobachtung. Dass möglichst viele Menschen derart in öffentlich-gesellschaftliche Strukturen eingebunden waren, war erzieherisch gewollt. Die Tatsache, dass in der DDR die meisten Frauen arbeiten gingen, gehorchte seitens des Staates keinem wirklich menschenrechtlichen emanzipatorischen Anspruch, produzierte dennoch aber eine gewisse ökonomische Gleichberechtigung und ein ähnliches Selbstbewusstsein beider Geschlechter. Ich kann mich aber auch noch gut an viele Diskussionen und Auseinandersetzungen, die viele Männer und Frauen ständig führten, erinnern, dass man ja arbeiten gehen musste. Wer das mal für eine Weile lang nicht wollte, galt doch schnell als asozial.

ZEIT: Wären Sie damals gern einmal aus dem Arbeitsleben ausgestiegen?

Merkel: Nein, aber ich kannte Leute, die das gern gemacht hätten, weil sie etwa als Künstler tätig sein wollten. Aber eine solche Entscheidung wurde einem nicht leicht gemacht. Die DDR als Gesellschaft hat sich – in der Natur ihres Systems – viel zu wenig mit der individuellen Entwicklung befasst, sondern eher mit der kollektiven. Je weniger Individualität sichtbar wurde, umso weniger Ärger hatte man. Je individueller man ausgeprägt war, umso näher kam man der Grenze zum Problemfall.

"Viele Ostdeutsche haben das Bedürfnis, Bilanz zu ziehen"

ZEIT: Dieses Jahr wird für Ostdeutschland besonders wichtig. Es stehen drei Landtagswahlen an – und im November jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal.

Merkel: Ich bemerke, dass sich die Art, wie wir über den Osten sprechen, verändert hat. Heute wird uns in der Rückschau auf 1989 viel klarer, mit welch großer Konzentration wir Ostdeutschen uns damals mit der neuen Welt vertraut machen mussten. Diese Jahre waren ein großer Bruch. Unter dieser Zäsur leiden manche Menschen bis heute. Oder sagen wir, in ihrer Biografie ist dieser Bruch nicht so positiv besetzt wie bei mir. Ich habe schnell eine neue Arbeit gefunden, hatte viele Möglichkeiten, konnte meinen Horizont erweitern. Aber es gab auch viele Menschen, damals oft älter als ich, denen das nicht vergönnt war, obwohl sie sich ebenso gern wie ich in die freiheitliche Gesellschaft eingebracht hätten.

ZEIT: An wen denken Sie da?

Merkel: Von den rund 11 Prozent, die in der DDR in der Landwirtschaft tätig waren, konnten zum Beispiel nach der Wiedervereinigung nur noch 1,5 bis 2 Prozent weiterarbeiten. Viele Menschen erlebten, nicht mehr gebraucht zu werden – mit dem, was sie konnten, was ihnen Selbstbewusstsein gegeben hatte. Wer erfahren musste, dass er kaum Chancen erhielt, sich in die neue Gesellschaft hineinzufinden, für den färbt sich die Erinnerung an die Nachwendezeit heute dunkler als bei mir. Jeder hat auf seine Art versucht, sich neu auszurichten und die neue Umgebung kennenzulernen. Ich selbst habe das mit großer Fröhlichkeit getan und natürlich nicht permanent betont, ich bin jetzt hier die Ostdeutsche und ich will noch alles lernen. Sondern man hat versucht ...

ZEIT: ... sich anzupassen.

Merkel: Sich einzuleben, würde ich sagen. Und zu verstehen, was gut und was nicht so gut ist. Ohne permanent zu sagen, dass ich jetzt aber noch mal darauf hinweisen muss, dass ich aus dem Osten komme.

ZEIT: Niemand hat das gemacht.

Merkel: Und nun, 30 Jahre später, kommen die Fragen noch einmal zurück: Was ist damals eigentlich passiert? Was haben wir geschafft? Das hat einerseits mit dem Lebensalter zu tun, andererseits mit dem Abstand. Viele Ostdeutsche sind in diesem vereinten Deutschland angekommen und haben dennoch das Bedürfnis, Bilanz zu ziehen. Die DDR-Gesellschaft war nun einmal ganz und gar anders aufgebaut als die alte Bundesrepublik, und das wird in den alten Bundesländern bis heute zu wenig verstanden.

ZEIT: Was genau wird nicht verstanden?

Merkel: Oft wird übersehen, dass sich das Leben in der DDR in ein Leben in dem politischen System und in ein privates aufgeteilt hat. Die Politik hat dem Einzelnen enge Grenzen gesetzt, aber omnipräsent war sie auch nicht. Es gab Freundschaften. Es gab Räume, in denen man viel diskutiert hat, gelesen hat, sich Gedanken gemacht hat, wissbegierig war, Feten gefeiert hat. Von diesem Aspekt des Lebens kommt in der öffentlichen Erzählung nichts durch.

ZEIT: Weil in der DDR die Politik alles dominierte, konnten Freiräume im Alltag mitunter besonders intensiv sein?

Merkel: Genau. Wir hatten auch viel mehr Zeit, weil die Karrieremöglichkeiten bei bestimmten politischen Einstellungen eher begrenzt waren. Das ergab Freiräume und eben Zeit, die heute eher in die berufliche Karriere investiert werden muss. Und wegen der Überwachung im politischen System war es auch notwendig, sich bedingungslos auf andere verlassen zu können. Weil man sonst recht schnell in seiner Existenz gefährdet sein konnte.

ZEIT: Das Zwischenmenschliche war wichtig?

Merkel: Das ist es heute auch, aber es konnte sehr schnell existenziell werden.

ZEIT: Woher kommt eigentlich dieser schematische westdeutsche Blick auf die DDR?

Merkel: Jedes Land, in dem wir keine Menschen kennen, die dort täglich leben, die sich freuen und lachen und weinen, ganz einfach als Menschen, bleibt erst einmal anonym. Wer keine Familie oder Bekannten in der DDR hatte, konnte das Leben dort nur im Fernsehen verfolgen. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass wir Ostdeutschen selbst in den Umbruchsjahren begeistert von dem Neuen waren. Wir haben am Anfang gewiss nicht den Eindruck erweckt, die Westdeutschen sollten unbedingt schnell kennenlernen, was wir im Staatsbürgerkunde-Unterricht gelernt haben. Die meisten haben schon von früher erzählt, aber die Zukunft lag doch nicht in der alten Welt. Für diejenigen, die sich in die neue Welt nicht so einbringen konnten, ist es nun umso bitterer, zu spüren, dass sich viele für das, was sie in der DDR geleistet haben, oft nicht so interessiert haben.

ZEIT: Sie sagen also, die DDR-Bürger haben sich selbst voreilig und ziemlich selbstverständlich von ihren Biografien verabschiedet.

Merkel: Nein, voreilig habe ich nicht gesagt.

ZEIT: Leichtherzig? Leichthändig?

Merkel: Ja, das trifft es eher, aber auch notwendigerweise, um Platz für Neues zu schaffen. Wir haben damals nicht jeden Tag unsere Biografie bearbeitet. Die alten Prägungen und Erfahrungen sind ein wenig in den Hintergrund getreten. Und jetzt, nach einer gewissen Zeit und mit Abstand, sind wir wieder in einer Phase, in der man zurückschaut. Oft denke ich, es ist ein wenig, wie es 1968 im Westen war, denn auch damals wurde bohrend nachgefragt: Wer seid ihr vor 1945 gewesen? Und wie seid ihr danach damit umgegangen? So befragen wir uns heute mit Blick auf den Zeitenwechsel von 1989 auch. Das ist ein selbstverständlicher, gar nicht außergewöhnlicher Prozess, den man zulassen muss. Zum Beispiel gibt es mit Blick auf die Treuhand viele Fragen, die die Menschen nun einfach stellen wollen. Das ist legitim, auch wenn natürlich die Zeiten vor 1945 und nach 1989 in keiner Weise vergleichbar sind.

"Es gab in der DDR zu wenig Erfahrung mit anderen Kulturen"

ZEIT: Gleichzeitig müssen wir uns aber eingestehen, dass dieses neuerliche Gespräch über den Osten durch eine Art rechte Revolte erzeugt worden ist, durch Pegida und den Aufstieg der AfD.

Merkel: Das sehe ich nicht so. Es ist einfach an der Zeit, dass diese Fragen drängender werden. Es wächst bei vielen Ostdeutschen ein bestimmtes Gefühl, die eigenen Verdienste nicht ausreichend gewürdigt zu sehen. Je älter man zum Zeitpunkt des Mauerfalls war, desto ausgeprägter ist das. Dieses Gefühl haben auch Menschen, die nicht im rechten Spektrum aktiv sind. Sie leben das still.

ZEIT: Hat es Sie überrascht, dass in allen Nachwendejahrzehnten in der ostdeutschen Gesellschaft ein gewisses Frustrationspotenzial vorhanden war? Mal hat es sich leiser, mal lauter artikuliert.

Merkel: Ich finde es nicht so verwunderlich, dass es in Ostdeutschland Frustrationen gibt. Das hat mit den andersartigen Biografien zu tun, dem gerade angesprochenen empfundenen Desinteresse oder auch damit, dass es immer noch zu wenige positive Rollenmodelle und Vorbilder gibt. In sehr vielen Bereichen sind die Ostdeutschen unterrepräsentiert. Ich freue mich, dass der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft aus Thüringen stammt, auch bei der Caritas gab es einmal einen ostdeutschen Präsidenten. Aber es ist eben immer noch einer Erwähnung wert. Daher verwundert es mich nicht, dass Frust entstanden ist.

ZEIT: Dass sich dieser Frust jedoch nun auch in einem Rechtsruck artikuliert hat – hat Sie das schockiert?

Merkel: Dass diese Gefühle so hart und gegen andere gerichtet ausgelebt werden, das ist nicht gut, denn wer den Zusammenhalt unserer Gesellschaft will, muss als Voraussetzung dafür Grundachtung vor anderen Menschen aufbringen. Das ist nicht verhandelbar. Diese Grundachtung ist bei manchen sehr ins Abseits geraten.

ZEIT: Das Paradoxe ist, dass sich die Wut der Ostdeutschen stark an Ihrer Person entzündet.

Merkel: Nein, das ist nicht paradox. Das begann schon mit der Euro- und Finanzkrise und hat sich dann durch die vielen Flüchtlinge, die zu uns kamen, noch einmal verstärkt.

ZEIT: Wussten Sie damals, dass Sie Teile der ostdeutschen Gesellschaft mit der Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, überfordern könnten?

Merkel: Ich habe auf eine humanitäre Notsituation reagiert. Die Herausforderung war da, und ich musste mit ihr umgehen. Es hat mich aber nicht verwundert, dass sich viele Menschen in den neuen Ländern mit einer solchen Entscheidung noch etwas schwerer taten als die in den alten Ländern. Es gab in der DDR zu wenig Erfahrung mit anderen Kulturen. Die Vertragsarbeiter aus fernen Ländern wurden schlecht behandelt, Kontakte zur einheimischen Bevölkerung wurden nicht wirklich angeregt. Dadurch gibt es vielleicht noch eine gewisse Vorprägung. Aber Deutschland ist heute ein vereintes Land, deshalb müssen wir uns den Herausforderungen gemeinsam stellen.

Es ist eine "herausragende Aufgabe von Politik, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen"

ZEIT: Dem Osten fehlen heute die jüngeren, gut ausgebildeten Leute, die nach dem Mauerfall zu Hunderttausenden fortgingen.

Merkel: Das ist richtig, und die Auswirkungen auf die Entwicklung der neuen Bundesländer darf man nicht unterschätzen. Diese Menschen, die heute in Bayern oder Baden-Württemberg leben und arbeiten, fehlen natürlich. Umso mehr freue ich mich, wenn ich höre, dass einige auch wieder zurückgehen. Das finde ich ganz wichtig.

ZEIT: Seit viele Ostdeutsche zu Pegida gehen oder AfD wählen, ist die Spaltung des Landes so sichtbar wie nie zuvor. In den drei ostdeutschen Landtagswahlen könnte die AfD jeweils stärkste Kraft werden. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Merkel: Die politische Herausforderung ist ohne Zweifel groß. Ich tue mich dennoch schwer, zu sagen, das Land sei so gespalten wie nie zuvor. Das Land war vielleicht nie so versöhnt, wie man dachte. Manche Konflikte sind jetzt erst deutlich geworden, weil die Gesellschaft durch die verschiedenen Veränderungsprozesse unter einem größeren Stress steht. Die große Zahl von Flüchtlingen bedeutet für ein Land und seine Menschen eine große Anstrengung. Da treten Unterschiede noch einmal viel klarer zutage. Ich werde nie vergessen, wie ich als Jugendministerin türkischstämmigen Jugendlichen begegnet bin. Sie waren von der Einheit ziemlich deprimiert, weil nun die Ostdeutschen in gewisser Weise die Neuankommenden waren und sie sich zurückgesetzt fühlten. Und jetzt sind die zu uns gekommenen Flüchtlinge eine große Herausforderung.

ZEIT: Das ist eine interessante Beobachtung: Die Deutschen waren gar nicht so versöhnt, wie sie lange Jahre angenommen hatten?

Merkel: Ich kenne die Biografien der Ostdeutschen, ich habe viele persönliche Geschichten gehört. Nun erfahren diese Erzählungen ein größeres Interesse. Viele Ostdeutsche möchten, dass sich einiges ändert. Sie haben lange akzeptiert, dass beispielsweise eine Pflegekraft im Osten weniger verdient als eine im Westen. Man hat immer darauf gesetzt, dass sich das eines Tages angleicht. Aber wenn man heute noch immer die erheblichen Lohnunterschiede zwischen Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt sieht, dann ärgert das viele. Auch dass die einen verbeamtet worden sind und die anderen nicht. Hoffnungen, die Angleichung werde schnell gehen, sind in einigen Bereichen zerstoben. Helmut Kohl wurde früher von manchen verlacht, wenn er von den blühenden Landschaften sprach. Heute lacht niemand mehr darüber, weil wir wissen, dass er recht hatte, aber wir wissen auch, dass es in diesen Landschaften noch einige große strukturelle Probleme gibt.

ZEIT: Welche meinen Sie?

Merkel: Die Erbschaften sind geringer, die Steuereinnahmen auch, die Menschen können zu wenig Vermögen aufbauen. Ältere Menschen sehen ihre Kinder wegziehen, die Enkel wachsen woanders auf. In München sind die Mietpreise hoch, im eigenen Ort, fernab der großen Städte, herrscht dagegen eher Leerstand. Deshalb fragen die Leute jetzt: Wie lange soll es denn noch dauern? Das ist eigentlich genauso wie mit der Gleichberechtigung der Frauen. Deswegen ist es heute insgesamt eine herausragende Aufgabe von Politik, gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen.

Dieses Interview stammt aus der ZEIT Nr. 05/2019.

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