Mittwoch, 6. Juli 2011

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel anlässlich der Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
06. Juli 2011, Mittwoch
Ort:
Bonn

in Bonn

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Professor Kleiner,

sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Frau Kraft,

sehr geehrte Frau Ministerin,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

meine Damen und Herren,

die Gratulanten kennen heute kein Ende. Der Bund gratuliert ebenfalls. Mit einem Zitat möchte ich beginnen: „Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche zu verehren.“ Dieser Einschätzung Goethes zufolge kann sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft wirklich glücklich schätzen. Das Jahr 2011 ist ohnehin ein besonderes Jahr: Vor 60 Jahren gründete sich die Selbstverwaltungseinrichtung der deutschen Wissenschaft neu. Sie ging 1951 aus der Fusion zweier Institutionen hervor: aus der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt wurde, und aus dem ebenfalls noch jungen Deutschen Forschungsrat, der wissenschaftspolitisch ausgerichtet war.

Der Neuanfang war bitter nötig, denn die Forschungsgemeinschaft der Vorkriegszeit stand seit Mitte der 30er Jahre in den Diensten der Nationalsozialisten und ihrer unmenschlichen Verbrechen. 1945 fand sich auch die deutsche Wissenschaft vor den Trümmern ihres eigenen Handelns wieder. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die Folgejahre wie ein Wunder aus. Aus der Not geboren steht heute die Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht nur exzellent da, sondern sie steht auch für wissenschaftliche Exzellenz. Dies zu würdigen, ist mir eine große Freude. Deshalb herzlichen Dank für die Einladung zu dieser Festveranstaltung.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist in der Tat als ein starker Pfeiler unseres Wissenschaftssystems nicht mehr wegzudenken. Ihre Strukturen und Verfahren zur Auswahl der besten akademischen Projekte genießen höchstes Ansehen. Den European Research Council hätten wir nicht gründen können, wenn wir dabei nicht sehr viel vom Selbstverwaltungssystem der Deutschen Forschungsgemeinschaft hätten einfließen lassen können.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert Forscherinnen und Forscher aller Disziplinen. Sie stellt dafür Mittel zur Verfügung und eröffnet damit Freiräume, ohne die wissenschaftlicher Fortschritt kaum denkbar wäre. Dabei wurde über die Jahrzehnte hinweg ein hoher Qualitätsanspruch sichergestellt. Dafür möchte ich an einem solchen Tag wie diesem neben dem Präsidenten vor allen Dingen auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Geschäftsstelle und den zahlreichen ehrenamtlichen Gremienmitgliedern, Gutachterinnen und Gutachtern ganz herzlich danken. Ohne sie würde dieses System nicht funktionieren. Weiterhin viel Elan für die nächsten Jahrzehnte.

Allen, die sich voller Leidenschaft in die und für die Deutsche Forschungsgemeinschaft einbringen, sage ich herzlichen Dank, weil Sie für Unabhängigkeit und wissenschaftliche Exzellenz einstehen, weil Sie Schrittmacher der Spitzenforschung sind, weil Sie wissenschaftlichen Nachwuchs fördern und damit in das gewinnbringendste Kapital unseres Landes investieren: in Bildung, in Forschung, in Innovation. Das ist und bleibt der Rohstoff unseres Wohlstands.

Rohstoffe finden, fördern und formen, sprich: Mehrwert schaffen – das dauert manchmal lange. Das gilt ganz besonders für die Grundlagenforschung. Gerade deshalb muss Wissenschaft Raum haben, um sich zu entfalten. Sie muss unabhängig sein können. Dann kann sie auch neue Wege aufzeigen und ungeahnte Perspektiven eröffnen.

Dabei steht die Wissenschaft in einer doppelten Verantwortung. Erstens geht es um ethische Grundsätze. Die Grenzen des Wissens erweitern sich immer schneller. Tag für Tag kommen neue Entdeckungen dazu, auch Erkenntnisse, die bis weit in das persönliche Leben hinein von Relevanz sein können. Umso wichtiger ist es, zu fragen, ob sie sich mit unseren ethischen Grundsätzen vertragen. Es steht außer Zweifel: Wissenschaft und Forschung brauchen Freiräume. Das ist auch im Grundgesetz verankert. Aber ebenso steht außer Zweifel, dass die Wissenschaft auch verpflichtet ist, Freiräume verantwortungsvoll zu nutzen. Dazu gibt Artikel 1 unseres Grundgesetzes den Weg vor: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das heißt letztendlich, nicht alles, was möglich ist, sollte auch gemacht werden. Aber jeder weiß, in welchem Spannungsfeld wir uns da bewegen. Morgen wird es wieder eine intensive Debatte im Deutschen Bundestag über den Umgang mit der Präimplantationsdiagnostik geben. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, an dem sich dieses Spannungsfeld aufzeigt und bei dem wir natürlich auch auf Ihren Rat und Ihre Einschätzung angewiesen sind.

Zur zweiten wichtigen Verantwortung der Wissenschaft: Wissenschaftliche Arbeiten sollten sich nicht selbst genügen, Wissen sollte verbreitet und zugänglich gemacht werden. Von dem Psychologen Kurt Lewin, der einst vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste, ist der Satz übermittelt: „Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht.“ Forscherinnen und Forscher stehen also in der Verantwortung, an ihren Kenntnissen auch die Gesellschaft teilhaben zu lassen. Dies kann über Publikationen und viele andere Wege erfolgen. Das kann auch wie heute über einen spannenden Vortrag über die Weltmeere geschehen.

Es geht aber auch darum – das ist eine Bitte von mir an Sie –, die Sprache der Wissenschaft so zu benutzen, dass diejenigen, die nicht ganztägig wissenschaftlich beschäftigt sind, sie auch verstehen können. Ich finde, beim Thema Fische hat das gut funktioniert. In der Quantenchemie wird das schon etwas schwieriger. Aber selbst dort sollte man sich nicht scheuen, sich um mehr allgemeine Verständlichkeit zu bemühen.

Ich möchte, um ein Beispiel für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung zu nennen, Herrn Professor Kleiner noch einmal dafür danken, dass er spontan dazu bereit war, zusammen mit Herrn Töpfer die Ethikkommission Sichere Energieversorgung zu leiten. Es war eine unerwartete neue Aufgabe, aber Sie haben sie mit Bravour gemeistert. Noch einmal herzlichen Dank dafür.

Das Thema Energieforschung wird uns intensiv begleiten. Deshalb darf ich Ihnen sagen: Die Bundesregierung wird noch im Sommer ein neues Energieforschungsprogramm vorlegen, an dem viele Kabinettsmitglieder beteiligt sind. Darin wird das Thema Energiespeicherung eine zentrale Rolle einnehmen. Dafür werden wir in der nächsten Zeit erhebliche Mittel zur Verfügung stellen. Wir haben hier noch viel Unerforschtes. Das sollte angegangen werden.

Der Pakt für Forschung und Innovation ist vorhin schon genannt worden. 2010 lief die erste Phase aus. Wir haben mit diesem Pakt mehr Berechenbarkeit und Planungssicherheit in die Entwicklung der Forschungsorganisationen gebracht. In der ersten Phase gab es pro Jahr drei Prozent Mittelzuwachs. Für die nun folgende zweite Phase erhöhen wir den jährlichen Mittelzuwachs auf fünf Prozent. Wir haben heute im Kabinett beschlossen, das im Haushaltsplan des Bundes zu verankern. Davon profitiert natürlich auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Ich glaube, diese Planungssicherheit ist dringend notwendig, damit Sie Ihre Arbeit in der nötigen Unabhängigkeit leisten können.

Mit dem Pakt für Forschung und Innovation haben wir uns sehr ehrgeizige Ziele gesetzt, genauso wie die einzelnen Institutionen. Es geht hierbei neben der Einzelförderung auch um immer bessere Vernetzung, um Unterstützung des Nachwuchses und um Internationalisierung. Ich habe neulich auch bei einer Festversammlung der Max-Planck-Gesellschaft gesprochen. Natürlich muss Internationalisierung wohl durchdacht sein. Wir können nicht alles international wiederholen, was wir schon im eigenen Lande machen. Vielmehr müssen wir ein Auge darauf werfen, wo und wie wir uns vernetzen können. Ich bin mir sicher, dass Sie die Ziele, die Sie sich in der Deutschen Forschungsgemeinschaft setzen, auf diesem Gebiet auch erreichen werden. Denn das ist Ihnen bisher eigentlich immer gut gelungen. Deshalb vertrauen wir darauf, dass das auch in Zukunft klappen wird.

Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass auch die Effizienz der Forschungsarbeit vorangebracht wird. Auch das ist ein weites Feld. Frau Kraft hat eben darauf hingewiesen, wie wichtig Drittmittel heute insbesondere für Universitäten sind. Hier haben wir eine klassische Schnittstelle zwischen Bildung und Forschung.

Die Exzellenzinitiative – ich glaube, da sind wir uns einig – hat frischen Wind in die Forschungsförderung gebracht. 37 Universitäten sind mit über 1,9 Milliarden Euro in der ersten Phase gefördert worden. Nach anfänglicher Südlastigkeit wissenschaftlicher Exzellenz arbeiten wir uns langsam gen Norden vor. Im März 2010 wurde die zweite Phase des Exzellenzwettbewerbs gestartet. Bis 2017 werden Mittel in Höhe von 2,7 Milliarden Euro in unterschiedlichen Bereichen zur Verfügung gestellt. Ich hoffe, dass diese Exzellenzinitiative in der Hochschullandschaft weitere Dynamik entfaltet.

In dieser Hinsicht ist auch der Hochschulpakt ein zentrales Element, auf das wir alle, Bund und Länder, ein Stück weit stolz sein können. Für die jungen Menschen in Deutschland muss es die notwendigen Perspektiven geben. Verkürzte Schulzeiten und nunmehr auch die Aussetzung der Wehrpflicht führen dazu, dass wir einen höheren Ansturm auf die Universitäten haben. Jeder junge Mensch sollte eine gute Bildung und Ausbildung bekommen können. Wir haben uns deshalb auf eine dritte Säule des Hochschulpakts zwischen Bund und Ländern verständigt. Ich darf Ihnen versichern, dass der Bund, der von 2011 bis 2020 rund zwei Milliarden Euro zur Verfügung stellt, seinen Verpflichtungen nachkommen wird.

Wir wollen, dass unsere Universitäten international konkurrenzfähig bleiben. Wir wissen, dass der Wettbewerb weltweit massiv ist. Insbesondere die Schwellenländer China und Indien, aber auch viele andere werden zunehmend zu Wettbewerbern und wenden erhebliche Mittel auf. Wir hatten kürzlich deutsch-chinesische Regierungskonsultation, die uns zeigten: Wir brauchen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aber wir dürfen auch nicht verharren, sondern müssen uns genauso wie andere sputen.

Der ehemalige DFG-Präsident Professor Hubert Markl hat es einmal so ausgedrückt: „Forschung ist immer das Weiterforschen, wo andere aufgehört haben, das Weiterbauen auf Grundsteinen und Gerüsten, die andere vorbereitet haben.“ Deutschland ist ein Land, in dem viel von diesen Grundsteinen und Gerüsten vorhanden ist. Es liegt in unserer Hand, ob wir sie ordentlich und vernünftig nutzen. Aber andere wollen ebenfalls vorne mit dabei sein. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns genau das weiterhin zutrauen und der Grundlagenforschung den notwendigen Freiraum geben. „Wissenschaftsfreiheitsgesetz“ ist in diesem Zusammenhang ein Stichwort. Wir überlegen uns immer wieder, wie wir Fehlentwicklungen, Doppelarbeit vermeiden und verschiedene Verwaltungsstrukturen, Dienstrechtsvorschriften und haushaltsrechtliche Beschränkungen auf den Prüfstand stellen können.

Ein Spannungsfeld ist auch, auf der einen Seite die Steuergelder überprüfbar auszugeben und auf der anderen Seite der Wissenschaft die entsprechenden Freiräume zu geben. Deshalb müssen wir immer wieder gemeinsam über die Standards guter wissenschaftlicher Praxis sprechen. So sind auf gewisse Art und Weise Politik und Forschung Verbündete, natürlich immer mit Respekt vor den Freiräumen des anderen. Wir können in der Politik eine Menge von der Wissenschaft lernen, was das Beschreiten neuer Wege anbelangt. Wir müssen auch immer wieder begeistert werden, damit wir die Wissenschaft ordentlich fördern. Wir bemühen uns, mit einem neugierigen Auge auf Sie zu schauen. Wenn Sie sich bemühen, uns Ihr Wirken in verständlicher Sprache zu erklären, dann wird die Zusammenarbeit in den nächsten 60 Jahren mindestens so fruchtbringend sein, wie sie es in den vergangenen Jahrzehnten war. Ich glaube, die Deutsche Forschungsgemeinschaft ist ein gutes, gelungenes Stück Bundesrepublik Deutschland, auf das wir mit Recht stolz sein können.

Herzlichen Dank.

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