Mittwoch, 15. Februar 2012

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen von „wellcome“

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
15. Februar 2012, Mittwoch

in Berlin

Sehr geehrter Herr Senator Scheele,
liebe Kollegin Kristina Schröder,
liebe Frau Volz-Schmidt,
liebe Fangemeinde von „wellcome“ – wenn man das so sagen darf,

mir ist es gegangen, wie es wohl Ihnen allen gegangen ist: Wenn man Frau Volz-Schmidt begegnet ist, dann kommt man von ihrer Idee nicht wieder so einfach los. Deshalb ist es mir eine Freude und Ehre, Ihnen zu zehn Jahren „wellcome“ zu gratulieren.

Ich bin seit 2007 Schirmherrin. Irgendwie hat Frau Volz-Schmidt es geschafft, mich für das Projekt zu interessieren. Ich war auch bei der Gründung des ersten Teams in Berlin dabei. Das Projekt ist unglaublich gewachsen und hat seinen Weg durch die Republik genommen. – Ich denke, Brandenburg kriegen Sie auch noch. Ich bin da aufgewachsen und kann sagen: Die Leute dort können eigentlich auch solche Hilfen brauchen. – Hamburg war der Ausgangspunkt.

Sie haben ja eben einleuchtend geschildert, wie alles gekommen ist. Ich glaube, das ist auch Ihr Geheimnis: Sie können in einfachen Worten erklären, warum, wenn in Familien eigentlich alles in Ordnung war, nur noch „wellcome“ gefehlt hat. Damit konnte eine Brücke zwischen Familienfreude und professionellen Institutionen geschlagen werden und Vernetzung stattfinden. Da mag auch Ihre Persönlichkeit – Mutter, Sozialpädagogin und eine leichte Neigung zum wirtschaftlichen Handeln – eine Rolle gespielt haben, da mag auch alles in einem günstigen Augenblick zusammengekommen sein. Und irgendwie muss es in Hamburg so gewesen sein, dass Sie dort ein Zuhause und Partner gefunden haben, die das alles auch ermöglicht haben. Jedenfalls spiegelt sich in „wellcome“ all das wider, was heute schon angesprochen wurde: Die Freude von Familien, ein Baby zu haben, kleine Kinder zu haben, aber auf der anderen Seite eben auch das Gefühl, dass ein bisschen Hilfe die Freude vielleicht noch vergrößern würde.

Sie haben eben einen Punkt angesprochen, der gerade in Deutschland ganz wichtig ist. Deutschland schätzt die Familie; das sind wir gewöhnt. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich, als ich kurz nach der deutschen Wiedervereinigung Frauen- und Jugendministerin wurde, mehrere interessante Beobachtungen machen konnte. Eine der Fragen, um die es damals ging, war: Kann man eigentlich auch eine richtig gute Mutter sein, wenn das Kind außer Haus zu Mittag isst? Ich glaube, diese Sache haben wir überwunden. Denn man kann es sein, würde ich sagen. Wenn man sich aber überlegt, dass diese Frage vor zwanzig Jahren noch sehr akut war, dann kann man sich vorstellen, was es bedeutet, in dem Moment, in dem die Außenwelt sagt, diese Freude sei die allergrößte, die du haben kannst, vielleicht doch zugeben zu müssen: Und trotzdem brauche ich in dieser Freude ein bisschen Hilfe.

Sie hatten den Mut dazu und das Selbstbewusstsein, zu glauben, dass Sie nicht allein sind und versagt haben, sondern dass Hilfe etwas ist, das dieser Gesellschaft noch fehlt. Sie haben die Professionalität, zu wissen, wen Sie ansprechen müssen. Sie haben die Leidenschaft und die Durchhaltefähigkeit, das Ganze nicht aus den Augen zu verlieren, sondern eben einfach weiterzumachen, weil Sie aus innerer Überzeugung handeln. Sie haben außerdem die Freude gehabt, auf viele zu stoßen, die gesagt haben: Jawohl, diese Idee hört sich vernünftig an. So haben Sie in zehn Jahren eine kleine Initiative zu großem Erfolg geführt. Ich glaube, der Wettbewerb „startsocial“ hat dabei auch eine Rolle gespielt, denn Sie wurden in diesem Wettbewerb 2002 Bundessiegerin. Das hat Ihnen ein Stück weit Öffentlichkeit gebracht und Sie vielleicht auch ermuntert weiterzumachen. So ist Ihre Organisation noch professioneller geworden. Sie haben gelernt, für Ihre Idee überzeugend Werbung zu machen.

Es ist ja bei aller Freiwilligkeit – bei freien Trägern, bei freien Initiativen – auch schön, wenn es einen Wiedererkennungswert in der Republik gibt. Da gibt es ja, wenn wir ehrlich sind, oft auch ein Manko. Ich möchte mich hier als Bundespolitikerin aber in keiner Weise in Länderkompetenzen einmischen. Ich kann auch das Hohelied auf die Vielfalt und die Menge an Ideen singen. Ich habe selber mit Freuden die freie Trägerschaft in den neuen Bundesländern mit aufgebaut. Ohne freie Trägerschaft würde es ja auch Projekte wie Ihres nicht geben. Sie haben immer wieder gesagt, dass man Leuchttürme braucht und dass Leuchttürme wieder neue Anregungen geben. Aber ganz wenige schaffen es – das muss man auch sagen –, neben den schon lange bestehenden Institutionen, wie zum Beispiel Diakonie und Caritas, ein bundesweites Netz aufzuspannen. Das aber ist Ihnen gelungen, und zwar mit einer beharrlich niederschwelligen Art und Weise, sodass man sich dem Angebot gar nicht so einfach entziehen kann. Denn Sie haben „wellcome“ unbürokratisch gehalten. Das heißt, man muss keine langen Anträge ausfüllen, ewige Mitgliedschaften erklären und sonstiges. Sie haben stattdessen sehr geschickt Ehrenamtlichkeit und guten Willen mit Professionalität verbunden. Auch das muss man ja sagen: Nicht jeder, der guten Willens ist, ist auch in jeder Familie gut aufgehoben; ein Stück Professionalität ist an dieser Stelle auch wichtig.

Was das Allerschönste ist: Sie nutzen das rechtlich bestehende System, an dem sich sicherlich in den letzten Jahren auch viel verbessert hat. Herr Senator Scheele hat eben auch schon gesagt, dass der Bund aus der Notwendigkeit der Aufgabe heraus, ohne zu sehr auf seine Zuständigkeiten zu achten, das Angebot der Länder angenommen hat. Es ist eine gute Sache, sich an dem flächendeckenden Netz von Familienhebammen beteiligen zu dürfen. – Wir bitten nur darum, dass es nicht in zehn Jahren heißt, wir hätten uns in eine Aufgabe hineingedrängt. Das wäre dann zu viel. Frau Volz-Schmidt ist unsere Zeugin, dass genau dies nicht passiert ist. – Damit ist ein wichtiger Baustein geschaffen worden, um von der verpflichtenden oder routinemäßigen Betreuung einen Übergang zu Ihrer Tätigkeit zu finden. Überhaupt ist die Vernetzung zwischen den einzelnen Organisationen ja auch schon sehr viel besser geworden.

Ich kann nur sagen: Herzlichen Glückwunsch. Machen Sie weiter auf diesem Gebiet. Finden Sie weiterhin Menschen, die bereit sind, mitzumachen. Es scheint ja auch eine freudige Erfahrung für diejenigen zu sein, die sich „wellcome“ ausgedacht haben, dass es viele, viele Menschen gibt, die sich freuen, wenn sie ein solches Angebot wahrnehmen können. Wir haben das soeben im Film gesehen; und ich habe es eben auch hier schon erlebt. Die Dame von „wellcome“ ist mit dem einen Zwilling schon hinausgegangen, damit wir hier eine gesittete Veranstaltung haben. Der andere Zwilling zeigt sich ja von seiner ruhigsten und liebevollsten Seite. Auf jeden Fall haben wir hier heute auch Praxisbeispiele. Das ist doch sehr schön. Die Mutter hat fünf Kinder unter fünf Jahren und studiert selbst noch. Ich habe gesagt: Der zukünftige Arbeitgeber wird froh sein, dass die Kinder schon aus dem Gröbsten heraus sind – ich hoffe, dass das jetzt keine verwerfliche Bemerkung war. Ich bin ja immer dafür, dass bei Arbeitgebern Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit bedacht wird. Auch auf diesem Gebiet sind wir ja weitergekommen.

Ich sage ganz herzlichen Dank dafür, dass ich heute dabei sein darf. Ich habe mich gefreut, dass ich über „startsocial“ mit Ihnen zusammengekommen bin, Sie kennenlernen konnte und die Schirmherrschaft übernommen habe. Es zeigt sich auch: Je mehr Menschen von diesem Projekt erfahren – die heutige Geburtstagsfeier kann ja auch dazu dienen –, umso mehr werden sich auch dafür interessieren, umso mehr Eltern werden bereit sein zu sagen: Vielleicht nehme ich dieses Angebot einmal an. So möchte ich diese Veranstaltung hier auch als eine Ermutigungsveranstaltung für diejenigen bezeichnen, die mitmachen wollen, genauso wie für diejenigen, die ein bisschen Hilfe brauchen, um ganz glückliche Eltern zu sein.

Herzlichen Dank und nachher noch eine gute Feier.

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