Samstag, 7. September 2019

Rede von Bundeskanzlerin Merkel an der Huazhong University of Science and Technology am 7. September 2019 in Wuhan

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
07. September 2019, Samstag
Ort:
Wuhan / China

Sehr geehrter Herr Präsident Li Yuanyuan,
sehr geehrte Angehörige des Kollegiums,
liebe Studentinnen und Studenten,
liebe Gäste,

ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken und freue mich außerordentlich, bei Ihnen zu sein, weil Ihre Universität ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist, wie vielseitig ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium später genutzt werden kann. Ihre Universität ist die Alma Mater berühmter Wissenschaftler. Ich denke etwa an Professor Deng Julong und Professor Liu Sifeng, die Begründer der „Grey System Theory“. Hier bei Ihnen haben auch sehr erfolgreiche Unternehmer studiert wie Zhang Xiaolong, der Vater des Messengerdienstes „WeChat“. Es gab und gibt viele Absolventinnen und Absolventen Ihrer Hochschule, die die Welt mitgestaltet und auf verschiedene Weise Geschichte geschrieben haben, so etwa auch die beiden Tennisspielerinnen Li Na und Li Ting. Ihre Universität ist also ganz offensichtlich ein Ort vieler Talente. Und so genießt sie aus vielen guten Gründen in China und über die Landesgrenzen hinaus hohes Ansehen.

Wir Deutschen schauen mit großem Interesse nach China und darauf, wie viele gute Ideen hier heranreifen. Wuhan und Ihre Universität haben ja auch eine enge Beziehung und Verbindung zu Deutschland. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Deutschland im damaligen Hankou sehr präsent. Auch heute noch zeugen Gebäude im deutschen Stil von dieser Zeit. Seit 1982 verbindet eine Städtepartnerschaft Wuhan mit Duisburg. Der Bürgermeister von Duisburg hatte mir vor dieser Reise geschrieben und mir über diese Städtepartnerschaft berichtet. Die Anregung zu dieser ersten deutsch-chinesischen Städtepartnerschaft kam vor allen Dingen vonseiten der Wirtschaft. Denn Wuhan ist ein wichtiger Wirtschaftsstandort für deutsche Unternehmen wie Bosch, Siemens und ThyssenKrupp. Aber nicht nur weithin bekannte Unternehmen sind hier aktiv, sondern auch viele innovative Mittelständler.

Besonders am Herzen liegt mir der Austausch in der Wissenschaft. Die technologische Entwicklung ist rasant. Sie bietet Möglichkeiten, von denen wir früher nur träumen konnten. Denken wir nur an die Künstliche Intelligenz. Diese dient heute zum Beispiel in der Medizin dazu, Millionen von Bildern und Daten zu durchsuchen und auszuwerten, um etwa Krebs besser diagnostizieren und therapieren zu können. Ob in der Wissenschaft, in der Medizin, in der Wirtschaft oder in anderen Bereichen – maschinelles Lernen wird unser Arbeiten, Leben und Zusammenleben immer mehr prägen. Sie als junge Menschen sind davon natürlich noch viel mehr betroffen als wir, die Älteren.

Bei technologischen Umwälzungen geht es aber nicht immer nur um Wissen, Anwendung und wirtschaftliche Wertschöpfung. Vielmehr bedeuten neue Erkenntnisse auch neue Herausforderungen im Bereich der Ethik. Künstliche Intelligenz, Big Data, Fortschritte in der Gentechnologie müssen immer auch von einer Debatte über ethische und rechtliche Standards begleitet werden. Ist alles, was möglich ist, auch tatsächlich wünschenswert? Wo genau ziehen wir die Grenzen der Anwendung? Wie wahren wir die Würde jedes einzelnen Menschen?

Sie, liebe Studierende, haben die Chance, sich in diese Debatte einzubringen – mit Ihrem Fachwissen, aber auch mit Ihren Wertvorstellungen. Das ist eine Debatte, die nicht nur hier geführt wird; vielmehr ist das eine globale Debatte. In unserer eng vernetzten Welt haben wissenschaftliche, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen der einen immer auch Auswirkungen auf andere – das gilt im positiven Sinne und das gilt natürlich auch im negativen Sinne. Globalisierung bedeutet im Kern, dass das nationale Gemeinwohl mehr denn je auch vom globalen Gemeinwohl abhängt; es ist ein Teil davon. Das verlangt ein Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung, von dem wir uns leiten lassen sollten. Denn nur so lassen sich die großen Herausforderungen unserer Zeit bewältigen. Sie betreffen ja uns alle. Einzelne Länder oder Regionen würden damit vollkommen überfordert sein; allein könnten sie globale Fragen nicht beantworten.

Ganz besonders offenkundig ist das natürlich beim Klimawandel. Er bedroht unsere natürlichen Lebensgrundlagen. Er ist von Menschen entscheidend mit verursacht. Also müssen wir Menschen auch alles Menschenmögliche tun, um den Klimawandel und seine fatalen Folgen einzudämmen. Darauf hat sich die Weltgemeinschaft mit dem Klimaschutzabkommen in Paris verpflichtet. Jedes Land ist dazu aufgefordert, den Beitrag zu leisten, der ihm möglich ist – den bestmöglichen Beitrag zu leisten. Wir wissen, dass Klimaschutz nur gemeinsam gelingt oder eben gar nicht; mit Auswirkungen auf alle.

China geht gerade auch mit Blick auf erneuerbare Energien ehrgeizig vor. Ich kann Sie nur dazu ermuntern, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Denn angesichts der Größe und der Wirtschaftskraft Chinas ist der internationale Klimaschutz auf einen gewichtigen chinesischen Beitrag angewiesen. Wir alle auf der Welt müssen noch besser werden – das sage ich auch sehr selbstkritisch zu uns in Deutschland. Ich setze mich deshalb mit ganzer Kraft dafür ein, dass Deutschland 2050 Klimaneutralität erreicht.

Zugleich hängt das Wohl der Länder – der Industrieländer wie der Entwicklungsländer – natürlich auch von weltwirtschaftlichen Entwicklungen ab. Daher ist es unverzichtbar, auch hierbei auf gemeinsame Regeln zu setzen und ein Handelswesen zu haben, das nicht auf Handelsbarrieren, sondern auf einen Handel zum Wohle aller ausgerichtet ist. Es bieten aber seit geraumer Zeit protektionistische Tendenzen und Handelskonflikte Anlass zu großer Sorge. Protektionismus schadet am Ende uns allen, die wir über internationale Wertschöpfungsketten miteinander verbunden sind. Daher gilt es auch hier, uns zu einer Politik zu entschließen, die neben dem nationalen auch das globale Gemeinwohl in den Blick nimmt.

Chinas Weg zu mehr Offenheit und Reformen auf dem Weg hin zu einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist der richtige Weg. Ich ermuntere Sie ausdrücklich, einen solchen Reformweg im Rahmen unserer multilateralen Ordnung entschlossen fortzusetzen. Multilaterales Handeln zahlt sich aus. Das gilt auch für Ihr Land, das in den letzten Jahrzehnten eine beeindruckende Entwicklung genommen hat. Viele Millionen Chinesen haben einen Weg aus der Armut gefunden.

Mit dem wirtschaftlichen Gewicht Chinas ist zugleich seine globale Verantwortung gewachsen. So zählt das Land heute zu den wichtigsten Akteuren in der internationalen Politik. Dieser Rolle gerecht zu werden, ist gerade in Zeiten wie diesen von großer Bedeutung. Das umfasst auch alle Fragen der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte, über die wir mit China auch ganz offen sprechen. Denn nur auf einer solchen Grundlage kann unsere internationale Zusammenarbeit auch in Zukunft erfolgreich sein. Nur so kann sich das auch im Leben des Einzelnen spürbar niederschlagen. Es geht um eine saubere Umwelt, in der die Menschen leben und arbeiten. Es geht um interessante und gut bezahlte Arbeit, die ein gutes Leben ermöglicht. Diese und andere Ziele sind nicht nur chinesisch oder deutsch, sie sind universell.

Mich leitet dabei die Erfahrung, dass Veränderungen zum Guten möglich sind. In Alleingängen wird das aber nicht gelingen. Mehr denn je müssen wir deshalb multilateral statt unilateral denken und handeln, global statt national, weltoffen statt isolationistisch – kurzum: gemeinsam statt allein.

Liebe Studentinnen und Studenten, ich wünsche Ihnen, dass Sie die nötigen und geeigneten Möglichkeiten vorfinden, mit denen Sie Ihren Weg gehen können! Ich wünsche der Welt, dass Ihre Generation aktiv an einer lebenswerten Zukunft mitarbeitet! Und nun freue ich mich auf eine interessante Diskussion mit Ihnen und sage erst einmal danke dafür, dass ich hier sein darf und dass Sie mir zugehört haben!

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