Mittwoch, 26. Juni 2019

Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Jahrestagung der Humboldt-Stiftung am 26. Juni 2019 in Berlin

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
26. Juni 2019, Mittwoch
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Pape,
sehr geehrter Herr Professor Ziegler,
liebe Humboldtianer,
insbesondere auch liebe Preisträger,
meine sehr geehrten Damen und Herren.

Universalgelehrter, Genie, Weltenversteher und Weltenerklärer – keine Bezeichnung scheint zu hoch gegriffen, um die Ausnahmepersönlichkeit zu beschreiben, die Alexander von Humboldt zweifellos war. Sein 250. Geburtstag ist deshalb für mich zunächst ein überaus willkommener Anlass, Ihnen allen zu danken, die Sie im Namen Humboldts den Dingen unseres Lebens auf den Grund gehen und sich nicht scheuen, auch scheinbar Unmögliches zu denken. Genau damit bereiten Sie dem menschlichen Fortschritt den Boden.

Und genau damit fügt sich Alexander von Humboldts 250. Geburtstag so wunderbar zusammen mit zwei weiteren wichtigen Jubiläen, die wir in diesem Jahr feiern können: mit dem 70. Geburtstag der Bundesrepublik Deutschland und dem 70. Geburtstag des Grundgesetzes, in dessen Artikel 5 es heißt: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“; und mit dem Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren. Hatte diese Mauer zuvor so viele Jahre die freie Selbstentfaltung und Selbstbestimmung der DDR-Bürgerinnen und DDR-Bürger begrenzt, so war mit einem Mal das Brandenburger Tor, das Tor zur Freiheit, offen.

Meine Damen und Herren, es ist die Freiheit, die die wesentliche Triebkraft menschlichen Handelns und damit des Fortschritts war, ist und bleibt. Freiheit ermöglicht uns Menschen, neue Perspektiven zu gewinnen. Dazu gehört vorneweg die Freiheit der Forschung. Aus eigener Erfahrung, wenn auch schon lange zurückliegend, in der Physik, aber auch aus der Erfahrung in der Politik weiß ich, dass der Weg zu neuen Erkenntnissen über das stete Infragestellen bisherigen Wissens oder vermeintlicher Wahrheiten führt. Dieses Infragestellen setzt Freiheit voraus, die wiederum eine offene Diskussionskultur bedingt.

Alexander von Humboldt selbst war ein überaus meinungsfreudiger, ein aufgeschlossener und weltoffener Mensch. Ihm war nicht nur das Denken in fachlichen Grenzen fremd, auch gesellschaftliche Ausgrenzungen missfielen ihm. So wurde er auf seinen Reisen durch Lateinamerika zu einem scharfen Kritiker des Kolonialismus und der Sklaverei. Ein Freigeist wie Humboldt ließ sich in seiner Forschungsarbeit nicht in ein Korsett zwängen. Das machte er zum Beispiel auch während seiner Russland-Reise klar, als er trotz Überwachung durch die staatliche Obrigkeit von der ihm vorgeschriebenen Route abwich.

Natürlich gab es Spannungen zwischen Politik und Wissenschaft nicht nur zu Lebzeiten Humboldts. Es gibt sie auch heute. Und sie liegen durchaus auch in der Natur der Dinge, denn es treffen ja zwei Bereiche unserer Gesellschaft mit unterschiedlichen Beweggründen aufeinander. Strebt die Wissenschaft in der Regel danach, die Dinge in ihrer gesamten Komplexität verstehen zu wollen, um so das denkbar mögliche Optimum zur Lösung eines Problems herauszuarbeiten, so muss die Politik dagegen nach mehrheitsfähigen, also nachvollziehbaren, weithin akzeptierten und damit auch in die Praxis umsetzbaren Lösungen suchen.

Doch gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen Politik und Wissenschaft kann sich als einer der wichtigsten Motoren erweisen, die die demokratische Diskussionskultur mit antreiben. Denn auch wenn die Wissenschaft frei sein muss, so ist sie natürlich nicht frei von Verantwortung für unsere Gesellschaft, wie sich zum Beispiel in Fragen der Bioethik zeigt – sei es im Bereich der Gentechnologie oder der Humangenetik. Es ist immer wieder zu klären, ob alles, was aufgrund wissenschaftlicher Entdeckungen gemacht werden kann, auch tatsächlich gemacht werden soll.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Politik in vielen Fragen auf die Beratung und den Sachverstand der Wissenschaft angewiesen ist. Die Wissenschaft kann uns Politikern Orientierung vor politischen Entscheidungen bieten und neue Wege aufzeigen. Anschließend liegt es an der Politik zu entscheiden, ob sie diese Wege beschreiten will oder nicht – und falls ja, wie sie möglichst viele Menschen in unserer Gesellschaft dabei mitnehmen kann. So sind und bleiben beide, die Politik wie die Wissenschaft, im Rahmen ihrer jeweiligen Verantwortlichkeiten frei bei dem, was sie tun und was sie lassen. Das macht einen wesentlichen Kern der Demokratie aus.

Wie anders sieht es dagegen aus, wenn die Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre in Frage gestellt oder gar bedroht wird, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt sind oder sich zur Flucht gezwungen sehen? Ich freue mich deshalb, dass die Bundesregierung mit der Alexander von Humboldt-Stiftung die Philipp-Schwartz-Initiative ins Leben gerufen hat, die es sich zum Ziel gesetzt hat, gefährdete Forscherinnen und Forscher, die ihre Heimat verlassen müssen, zu unterstützen. Bisher konnten wir 160 Forschende aus verschiedenen Ländern fördern. Der Namensgeber dieser Initiative, Philipp Schwartz, erinnert an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, als Deutschland während des Nationalsozialismus unendlich viel Leid über Europa und die Welt gebracht hat. Auch Philipp Schwartz konnte nur überleben, weil er während des Nationalsozialismus Zuflucht in der Türkei fand. Mit der Philipp-Schwartz-Initiative zeigen wir, wie sehr sich unser Land heute der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet fühlt.

Freiheitliches und gemeinwohlorientiertes Denken muss überall Raum finden können. Das ist die Grundlage eines Fortschritts, der den Menschen und dem Gemeinwohl dient. Wer also Fortschritt im Sinne des Gemeinwohls will, muss Freiräume schaffen, muss Freiräume erhalten und sie aushalten – in der Forschung wie in der Lehre. Durch Kooperation lassen sich Freiräume noch vergrößern. Auch deshalb ist es so wichtig, dass wir offen dafür sind und offen dafür bleiben, Wissen über Grenzen hinweg auszutauschen, miteinander und voneinander zu lernen.

„Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“ – Dieser Satz, meine Damen und Herren, wird Alexander von Humboldt zugeschrieben. Ich freue mich deshalb sehr, dass ganz im Sinne dieses Satzes die Alexander von Humboldt-Stiftung dazu einlädt, sich die Welt anzuschauen und dass sie seit 1953 den Austausch namhafter Forscherinnen und Forscher aus aller Welt fördert. Netzwerke von Forschenden – wir haben davon von Herrn Professor Ziegler gehört – sind heute als Lebensadern der Wissenschaft Teil der gelebten und gestalteten Globalisierung. Mit weltweit fast 30.000 Mitgliedern sticht das Humboldt-Netzwerk besonders hervor. Der Weltenbürger Alexander von Humboldt hätte gewiss seine Freude daran. Er allein beteiligte hunderte Wissenschaftler daran, Informationen und Gedanken zusammenzutragen – und das zu Zeiten, als es kein Telefon, keine E-Mail, kein Facebook oder Skype gab. Sein Entdecker- und Abenteuergeist führte Humboldt in die entlegensten Winkel der Welt. Deshalb wurde ihm auch bewusst, dass alle Prozesse auf dieser Welt letztlich Wechselwirkungen sind. So war für ihn das Denken in disziplinären wie auch in nationalen Grenzen geradezu widersinnig angesichts grenzüberschreitender Zusammenhänge.

Eine solche Freiheit und Offenheit des Denkens ist letztlich auch die Basis unserer heutigen multilateralen Zusammenarbeit und unserer gemeinsamen globalen Verantwortung. Doch wir müssen feststellen, dass dieser multilaterale Ansatz seit geraumer Zeit immer wieder infrage gestellt wird. Das muss allen, die sich, wie schon Humboldt vor gut 200 Jahren, der Vielfalt globaler Wechselwirkungen bewusst sind, große Sorgen machen. Deshalb verstehen wir gerade vor diesem Hintergrund, welche Bedeutung Institutionen wie die Alexander von Humboldt-Stiftung mit ihren vielfältigen Initiativen und Förderprogrammen haben, die in der Lage sind, nicht nur Brücken innerhalb der Wissenschaft, sondern auch Brücken zwischen Gesellschaften und Kulturen zu bauen. Es sind ja gerade auch die Forschenden, die Hochschul- und Wissenschaftsinstitutionen, die Multilateralismus täglich leben – die es verstehen, die Zusammenarbeit nicht zuletzt auch zwischen Ländern zu pflegen, deren politische Beziehungen nicht unbedingt immer zum Besten stehen.

Über Grenzen hinweg eng zusammenzuarbeiten – das ist für uns in Europa selbstverständlich. So haben wir eine gut vernetzte europäische Hochschullandschaft und mit „Horizont Europa“ ein ehrgeiziges Rahmenprogramm für Forschung und Innovation auch für die Jahre 2021 bis 2027. Zugleich ist es unser Anspruch als Europäer, auch über die Grenzen unseres Kontinents hinaus zu blicken und den Austausch mit Studierenden und Forschenden aus aller Welt zu suchen. Dabei wollen wir auch Regionen, zum Beispiel in Afrika, stärker einbeziehen, in denen die Möglichkeiten der Zusammenarbeit noch lange nicht ausgeschöpft sind.

In Afrika leben heute 1,3 Milliarden Menschen. Diese Zahl wird sich voraussichtlich bis zum Jahr 2050 auf 2,5 Milliarden fast verdoppeln. Zudem ist Afrika ein junger Kontinent, denn mehr als 40 Prozent der Menschen dort sind jünger als 15 Jahre alt. Das heißt, es werden sehr schnell immer mehr Menschen ins erwerbsfähige Alter kommen und nach Arbeit suchen. Sie alle haben den berechtigten Anspruch, in ihrer Heimat eine gute Zukunft haben zu können. Gute Bildung gibt ihnen dazu den Schlüssel in die Hand.

Daher hat die Bundesregierung mit der Aktualisierung ihrer „Afrikapolitischen Leitlinien“ im März auch die Möglichkeiten vertiefter Wissenschafts- und Hochschulkooperationen in den Blick genommen. Dabei müssen wir wirklich nicht bei null anfangen. Wir können vielmehr auf heute schon bestehenden Kooperationen deutscher Wissenschaftler mit Partnern in über 30 afrikanischen Ländern aufbauen. Hinzu kommen über 700 Hochschulkooperationen zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern. Daran wollen wir anknüpfen und zum Beispiel auch Stipendienprogramme ausweiten und Alumni-Netzwerke weiter fördern.

Meine Damen und Herren, ob in Afrika, Europa oder anderswo – Deutschland ist als Partner in der Welt der Wissenschaften nur so attraktiv, wie wir selbst wissenschaftliche Kompetenz haben. Auch deshalb ist es so wichtig, dass unser Land heute zu den fünf Ländern gehört, die weltweit am meisten für Forschung und Entwicklung aufwenden. 2017 haben wir, Wirtschaft und Staat zusammen, erstmals erreicht, dass drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung investiert wurden. Jetzt visieren wir als Ziel 3,5 Prozent an. Denn wir wissen, Israel, Südkorea und andere liegen heute schon über dem Drei-Prozent-Ziel.

Ich darf Ihnen zusagen, dass der Bund für die Wissenschaft ein verlässlicher Partner ist und bleibt. Exzellenzstrategie, Hochschulpakt, Qualitätspakt Lehre, Pakt für Forschung und Innovation – allein an diesen Stichpunkten lässt sich ablesen, wie viel der Bundesregierung an der Leistungsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems gelegen ist; und auch an der Berechenbarkeit für wissenschaftliche Einrichtungen. Dass wir eine Zeitachse bis 2030 gewählt haben, bedeutet ein hohes Maß an Berechenbarkeit.

Natürlich ist ein recht gutes Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Forschung von großer Bedeutung, denn wir sind uns sehr wohl bewusst, dass viele Errungenschaften unserer Zivilisation das Ergebnis jahrelanger grundlegender Forschung sind. Auch aktuelle wissenschaftliche Durchbrüche gehen auf die Grundlagenforschung zurück. Denken wir zum Beispiel nur an die sogenannten Gen-Scheren, mit denen HIV aus infizierten Zellen entfernt werden kann.

Ihrem Namen verpflichtet, setzt die Alexander von Humboldt-Stiftung auf die Freiheit der Wahl der Forschungsthemen. Sie ist nicht nur in allen Disziplinen vertreten. Die Humboldt-Familie ist auch in über 140 Ländern zu Hause. Diese Weltoffenheit wirft zugleich ein gutes Licht auf den Wissenschaftsstandort Deutschland und darauf, dass wir hierzulande attraktive Arbeitsbedingungen und Karrierewege in der Wissenschaft anbieten können. Als Hightech-Land stehen wir mitten im Wettbewerb um Technologieführerschaften und im weltweiten Wettbewerb um kluge Köpfe.

Daher kann ich es nur begrüßen, dass die Alexander von Humboldt-Stiftung immer wieder namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt für Deutschland gewinnt bzw. nach Auslandsaufenthalten wieder zurückgewinnt. Das liegt auch an der Alexander von Humboldt-Professur, die als Forschungspreis – auch im internationalen Vergleich – hoch attraktiv ist. Die Stiftung fördert jedes Jahr rund 2.000 Forschungsaufenthalte an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Auch für den Nachwuchs – etwa für Postdoktoranden – gibt es zahlreiche Angebote. Und die Freie Universität ist ja offensichtlich auch mit dabei, wie die anderen Berliner Universitäten auch.

Es gilt, sowohl jungen, vielversprechenden Talenten Freiräume zu bieten und Vertrauen zu schenken, damit sie schon in frühen Phasen ihrer Karriere ein Team leiten und kühne Ideen verfolgen können, als auch Wissenschaftlerinnen gleiche Chancen einzuräumen. Denn wir brauchen jedes Talent, um nicht zuletzt auch den uns möglichen Beitrag zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit leisten zu können. Das alles sind Herausforderungen, die kein Land alleine bewältigen kann. Beim Klimawandel zum Beispiel liegt das klar auf der Hand,

Alexander von Humboldt zeichnete sich durch ein umfassendes Wissen um natürliche Zusammenhänge aus. So erkannte er, dass Eingriffe des Menschen in die Natur Lebensgrundlagen schädigen und das Klima beeinflussen können. Welche Dimensionen der Klimawandel und seine Folgen eines Tages annehmen würden, konnte er seinerzeit nicht vorhersehen, aber um die Zusammenhänge wusste auch er schon.

Der aktuelle Bericht des Weltklimarats IPCC ist ebenso eindeutig wie alarmierend. Er macht deutlich, dass der Klimawandel und die Erderwärmung weiter voranschreiten. Gletscher schmelzen, Permafrostböden tauen auf, Meeresspiegel steigen. Daraus gilt es jetzt die notwendigen politischen Konsequenzen zu ziehen. Dabei sind wir einmal mehr auf wissenschaftliche Begleitung angewiesen, bei der es darum geht, intelligente klimafreundliche Maßnahmen, Instrumente und Technologien zu entwickeln und zu fördern und diese zugleich mit wirtschafts- und sozialpolitischen Anforderungen zusammen zu denken.

Mit dem Klimaschutzplan 2050 hat die Bundesregierung einen Prozess eingeleitet, mit dem die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens in nationale Politik umgesetzt werden sollen. Wir wollen das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreichen. Der Weg dahin muss immer wieder neu überprüft und bewertet werden. Um die Politik hierbei zu unterstützen, haben wir eine Wissenschaftsplattform ins Leben gerufen. Bei allen Zielen ist die Frage zu beantworten: Mit welchen Maßnahmen lässt sich die notwendige CO2-Reduktion am besten erreichen? Zu dieser Frage hat die Bundesregierung verschiedene Gutachten in Auftrag gegeben. Die wissenschaftlichen Ergebnisse werden wir uns sehr genau anschauen und dann die notwendigen gesetzlichen Grundlagen noch in diesem Jahr erarbeiten.

Meine Damen und Herren, neben dem Klimaschutz haben wir zahlreiche weitere große Aufgaben zu meistern: den demografischen Wandel, der das Bild ganzer Gesellschaften verändern und neue Herausforderungen mit sich bringen wird; weltwirtschaftliche Probleme und Finanzkrisen, die trotz aller Vorkehrungen nie ganz auszuschließen sind; die Bekämpfung von Volkskrankheiten, Epidemien und Antibiotikaresistenzen, die die Gesundheitssysteme weltweit auf den Prüfstand stellen; die digitale Revolution, die unsere Welt, die unsere Art zu arbeiten, zu kommunizieren, ja, zu leben tiefgreifend verändert.

Vor allem die Künstliche Intelligenz ist es, die den weltweiten Wettbewerb in den letzten Jahren rasant beschleunigt hat. Deshalb verfolgt die Bundesregierung eine ehrgeizige KI-Strategie. Wir setzen auf Kooperation – zum einen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, um Forschungsergebnisse möglichst schnell zur Anwendung zu bringen, zum anderen auf Kooperation innerhalb der Wissenschaft. Wir werden unsere nationalen Forschungshubs, die KI-Kompetenzzentren, ausbauen und international vernetzen. Im Frühjahr haben wir einen Wettbewerb zum Aufbau von internationalen Zukunftslaboren gestartet. Damit sind Forscherinnen und Forscher aus aller Welt eingeladen, in Deutschland an der Lösung aktueller Forschungs- und Entwicklungsfragen im Bereich der Künstlichen Intelligenz mitzuarbeiten. Auch mit der Ankündigung, 100 neue KI-Professuren einzurichten, haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt, wie wichtig uns das Thema ist. Da es nicht nur bei der Ankündigung bleiben soll, haben wir bereits entschieden, die Alexander von Humboldt-Professur für Künstliche Intelligenz ins Leben zu rufen.

Hinzu kommt, dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz in vielen Bereichen auch viele ethische Fragen aufwirft, die wir sehr, sehr ernst nehmen müssen. Dabei leitet uns, dass bei allen Entwicklungen immer der Mensch im Mittelpunkt der Überlegungen zu stehen hat. Auf dieser Grundlage können wir auch die Chancen erkennen und nutzen, die die Künstliche Intelligenz mit sich bringt. Wenn zum Beispiel maschinelle Mustererkennung Krebs deutlich zuverlässiger diagnostiziert oder wenn digitale Assistenten ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglichen, dann verstehe ich das als Fortschritt, den wir uns zunutze machen sollten.

Fest steht, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologiesprünge unser Leben und Arbeiten immer weiter verändern werden. Unsere Aufgabe dabei ist es, Risiken zu minimieren und Chancen zu erkennen und zu nutzen – Chancen für neue Arbeitsplätze und hohen Lebensstandard, Chancen für eine bessere medizinische Versorgung, für wirksamen Klima- und Umweltschutz, für moderne Mobilität und vieles andere mehr. Es sind unendlich viele denkbare Chancen, die die Neugier auf die Zukunft wecken und Forschung immer wieder antreiben. Für seinen unermüdlichen Forschungseifer fand Alexander von Humboldt selbst eine Erklärung. Ich möchte ihn noch einmal zitieren: „Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung der Menschheit; sie sind Teile des Nationalreichtums; oft ein Ersatz für die Güter, welche die Natur in allzu kärglichem Maße ausgeteilt hat.“ – Zitatende.

Und was, meine Damen und Herren, können wir heute von Alexander von Humboldt lernen? Auf diese Frage gab zum Beispiel der Humboldt-Forscher Andreas Daum zur Antwort – ich zitiere: „Humboldt litt unter der Explosion des Wissens, das ihm geradezu zerfloss unter seiner Schreibfeder. Also suchte er nach Auswegen – und bildete Netzwerke, kommunizierte viel, arbeitete nach Möglichkeit arbeitsteilig, setzte auf den Nachwuchs und lernte von den Jungen. Das sind moderne Strategien.“

So können wir uns auch heute in Wissenschaft und Forschung wie auch in der Politik vom Humboldtschen Ansatz leiten lassen, indem wir auf der Welt im Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung gemeinsame Herausforderungen gemeinsam angehen und indem wir dementsprechend auf Vernetzung und Zusammenarbeit setzen und uns dabei von nationalen und fachlichen Grenzen nicht einengen lassen. Denn Humboldt zeigte sich überzeugt – ich zitiere ihn nochmals –: „Ideen können nur nützen, wenn sie in vielen Köpfen lebendig werden.“

Mit diesem Ansatz war Alexander von Humboldt für alle, die danach streben, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen, eine schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Das ist er auch heute – allen voran natürlich für die vielen Humboldtianer überall auf der Welt. Schon allein die lange Liste der 55 Nobelpreisträger in ihren Reihen flößt Ehrfurcht ein. Mit ihrer geballten wissenschaftlichen Exzellenz macht die gesamte Humboldt-Familie ihrem Namensgeber alle Ehre.

Und so wünsche ich Ihnen, dass Ihr unermüdlicher Erkenntnisdrang Sie auch immer wieder zu neuem Erkenntnisgewinn führen möge. Alles Gute und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit bei diesen hohen Temperaturen heute.

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