Mittwoch, 2. Dezember 2015

Rede von Bundeskanzlerin Merkel bei der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises am 2. Dezember 2015

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
02. Dezember 2015, Mittwoch
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Professor Schäfer,
sehr geehrter Herr Schuster,
Herr Rabbiner Jacob,
Herr Rabbiner Homolka,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Parlament,
meine Damen und Herren
und natürlich auch Sie, sehr geehrter Herr Professor Casanova,

ich habe eben schon gesagt: ich möchte Ihre Rede sehr gerne schriftlich haben, damit ich sie noch einmal studieren kann. Ich möchte mich sehr herzlich für Ihre freundlichen Worte und für Ihre eben auch sehr spannende Analyse zur Rolle der Religionen in freiheitlichen, demokratischen Gesellschaften bedanken. Ich bin mir sehr sicher, dass diese Analyse voll gewinnbringender Denkanstöße für viele ist.

Ganz herzlich möchte ich auch den Studierenden für ihre persönlichen Worte danken, die mich sehr bewegt haben, weil sie an einzelnen Beispielen gezeigt haben, was Sie denken und wie Sie sich einbringen möchten. Dafür ganz herzlichen Dank.

Natürlich möchte ich mich beim Abraham Geiger Kolleg dafür bedanken, dass es mir den Abraham-Geiger-Preis verleiht. Ich empfinde diese Auszeichnung als eine große Ehre – für mich persönlich und gleichsam stellvertretend für unser Land. Die heutige Veranstaltung führt uns einmal mehr vor Augen, welch großes Geschenk es ist, dass es wieder ein vielfältiges und reiches jüdisches Leben in Deutschland gibt. Eigentlich ist es ein Wunder. Dessen bin ich mir gerade in diesem Jahr bewusst, in dem wir das 70. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach dem Ende des Zivilisationsbruchs der Shoah begehen. 70 Jahre sind in der Geschichte keine lange Zeit, wie wir auch in dem Vortrag von Herrn Professor Casanova hören konnten.

Dass Juden heute in Deutschland wieder eine Heimat gefunden haben, dass sie in diesem Land eine Zukunft sehen – das ist und bleibt alles andere als selbstverständlich. Es ist und bleibt ein einzigartiger Vertrauensbeweis in die freiheitlich-demokratische Grundordnung unseres Landes, wie sie in unserem Grundgesetz niedergelegt ist. Mit den darin festgeschriebenen Aussagen zur Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen, zur Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, zur Freiheit des Glaubens und des Gewissens war das Grundgesetz die Antwort auf die Unmenschlichkeit Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus. Damit konnte das Fundament für ein friedliebendes und menschliches Deutschland gelegt werden. Damit konnte ein Neubeginn möglich werden – ein Neubeginn stets im Bewusstsein der immerwährenden Verantwortung Deutschlands für die Schrecken der Vergangenheit.

Das Grundgesetz hat von Beginn an identitätsstiftend und integrierend wirken können – im Nachkriegsdeutschland ebenso wie 1990 im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands. Das Grundgesetz hat Deutschland zu einem Land der Freiheit gemacht. Es war das Fundament zur Bewältigung aller Herausforderungen, die unser Land seit 1949 zu meistern hatte. Und es ist das Fundament, um auch die Herausforderungen bewältigen zu können, die sich uns aktuell stellen.

Das sind vorneweg die vielen, vielen Menschen, die derzeit zu uns kommen, um bei uns Zuflucht vor Krieg und Terror zu finden. Diese Herausforderung ist ganz ohne Zweifel eine Bewährungsprobe. Es ist eine Bewährungsprobe für unser Land – Herr Ministerpräsident, wir haben im Bund, in den Ländern und Kommunen oft darüber gesprochen –, eine Bewährungsprobe für Europa, eine Bewährungsprobe für die internationale Gemeinschaft. Wie stellen wir uns dieser Bewährungsprobe – national, europäisch und global? Wie schaffen wir es, die Menschen, die keine Bleibeperspektive haben, schnell wieder in ihre Heimat zurückzuführen? Wie schaffen wir es, denen schnell und umfassend zu helfen, die tatsächlich unseren Schutz brauchen? Wie schaffen wir es, diejenigen erfolgreich in unsere Gesellschaft zu integrieren, die auf Dauer bei uns bleiben werden? Und wie schaffen wir es, die Fluchtursachen so zu bekämpfen, dass immer weniger Menschen ihren letzten Ausweg in einer nicht selten lebensgefährlichen Flucht sehen?

Viele Aufgaben werden wir nur gesamteuropäisch und international lösen können: die Sicherung der europäischen Außengrenzen, die Verteilung von Flüchtlingen in Europa, die Verbesserung der humanitären Lage in den Flüchtlingslagern in Jordanien, im Libanon und auch im Irak sowie der Situation der Flüchtlinge in der Türkei, die Möglichkeit legaler Migration statt illegaler Migration, die Bekämpfung der Fluchtursachen in den jeweiligen Heimatländern, vorneweg in Syrien und im Irak.

All das sind äußerst wichtige Aufgaben. Sie sollen heute Abend aber nicht im Mittelpunkt meiner Gedanken stehen. Vielmehr möchte ich mit Ihnen darüber nachdenken, welche Herausforderungen sich in diesem Kontext für das Zusammenleben bei uns in unserem Land stellen; nicht logistisch – das schafft ein so starkes Land wie Deutschland, wenn es weiter alle Kräfte bündelt –, sondern mit Blick auf unsere Identität und unser Selbstverständnis als Staat und Gesellschaft.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – mit diesen Worten beginnt unser Grundgesetz. Sie sind dessen oberstes Gebot. Die Würde des Menschen ist moralische Grundorientierung aller weiteren Grundrechte. Sie steht im Mittelpunkt allen staatlichen Handelns. Daraus erwächst die Verantwortung, die Würde des einzelnen Menschen und seine Freiheit zu schützen.

Konkret führt das zum Beispiel zu unserem Verständnis, dass nicht anonyme Menschenmassen zu uns kommen, sondern Individuen. Es führt dazu, dass jeder, der zu uns kommt, das Recht hat, menschenwürdig behandelt zu werden – und zwar unabhängig davon, ob er unser Land wieder verlassen muss, weil er keine Bleibeperspektive hat, oder ob er schutzbedürftig ist und hier Aufnahme finden kann. Das Grundgesetz und die Genfer Flüchtlingskonvention treffen klare Aussagen, wer ein Recht auf Schutz hat. Dieses Recht, als politisch Verfolgter oder Bür-gerkriegsflüchtling Schutz zu finden, unterscheidet nicht zwischen Christen, Muslimen, Juden, Buddhisten, Andersgläubigen oder Nichtgläubigen. Es unterscheidet nicht zwischen gut und weniger gut Ausgebildeten, zwischen Begüterten und Mittellosen. Es sieht den einzelnen Menschen; und es sieht sein individuelles Schicksal.

Während ich das sage, weiß ich sehr wohl, dass uns die Aufnahme und die Integration so vieler Menschen ohne Zweifel vor große Aufgaben stellen. Es ist und bleibt deshalb gar nicht hoch genug zu schätzen, welches Gesicht unser Land seit vielen, vielen Wochen zeigt. So viele Menschen engagieren sich – Ehrenamtliche wie Hauptamtliche. So viele Menschen helfen und wachsen über sich hinaus, lassen sich auch von Widrigkeiten und – ja, auch das – von Pöbeleien und Angriffen nicht entmutigen. Überall in unserem Land erlebe ich eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Und dafür bin ich von Herzen dankbar.

Ich danke auch der jüdischen Gemeinschaft, deren Unterstützung so vielfältig, so großartig ist. Ich weiß, dass Sie die Größe der Herausforderung besonders gut ermessen können, denn Sie haben in den vergangenen 25 Jahren viele Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen und integriert. Ebenso weiß ich aus Briefen und Gesprächen – auch mit Ihnen, lieber Herr Schuster –, dass die vielen zu uns kommenden Menschen Sie auch fragen lassen: Sind wir dieser Herausforderung tatsächlich gewachsen – nicht nur bezogen auf akute Nothilfe, sondern auch dauerhaft? Wie werden sich die Menschen bei uns zurechtfinden, die aus völlig anderen Kulturkreisen als dem unseren kommen? Werden wir die Integration so vieler Menschen so schaffen können, dass dies das Wort Integration auch wirklich verdient? Wird sich unser Land verändern und – viel wichtiger noch – wie wird es sich verändern?

Um es gleich zu sagen: Alle diese Fragen sind berechtigt. Und: Ja, unser Land wird sich verändern. Ich halte Veränderung im Übrigen zunächst einmal für etwas Selbstverständliches, eigentlich sogar etwas Notwendiges. Wir Menschen brauchen Veränderung, wenn wir nicht stehenbleiben, sondern uns weiterentwickeln wollen. Aber wie sich unser Land verändern wird, ob wir das überwinden können, was uns hindert, die globalen Herausforderungen unseres 21. Jahrhunderts erfolgreich zu bewältigen, und das bewahren, was uns in Jahrzehnten stark gemacht hat – das ist die eigentlich entscheidende Frage.

Ich mache mir überhaupt keine Illusionen: Integration geschieht nicht über Nacht. Integration braucht Zeit und Geduld. Integration ist angewiesen auf die Offenheit derer, die schon hier leben, und Integration ist angewiesen auf die Bereitschaft derer, die zu uns kommen, unsere Art zu leben, unser Recht, unsere Kultur zu achten und unsere Sprache zu lernen.

Konstitutiv für uns sind unsere Verfassungsordnung und die Regeln unseres Zusammenlebens. Das heißt, Menschen, woher auch immer sie kommen, müssen unsere Gesetze und unsere Verfassungsordnung anerkennen – unseren Rechtsstaat, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Absage an jede Form von Diskriminierung homosexueller Menschen, die Absage an jede Form von Antisemitismus.

Deshalb will ich an dieser Stelle auch ausdrücklich sagen: Wir brauchen wahrlich nicht immer einig darin sein, welche konkreten Maßnahmen wir für unser Handeln auch in der aktuellen Flüchtlingsfrage als notwendig und richtig erachten und welche nicht. Aber ich werde es immer ernst nehmen, wenn Sie Ihre Sorgen vor Antisemitismus zum Ausdruck bringen – auch die, die Sie in diesen Wochen mit Blick auf die vielen Menschen aus Ländern äußern, in denen Antisemitismus und Hass auf Israel Teil des öffentlichen Lebens sind und von Kindesbeinen an vermittelt werden.

Noch einmal: Es kommen Menschen mit jeweils individuellen Schicksalen und Lebensgeschichten. Darin liegt für unser Land – allen möglichen kulturellen Prägungen in anderen Erdteilen zum Trotz – eine große Chance; und zwar dann, wenn wir vermitteln, was wir mit Integration meinen: nicht das Vergessen eigener Wurzeln, sondern das Leben eigener Wurzeln auf der Grundlage und im Rahmen unserer Werte und unserer Gesellschaftsordnung, zu der der kompromisslose Kampf gegen jede Form von Antisemitismus zwingend dazugehört.

Das gilt auch mit Blick auf die einzigartigen Beziehungen Deutschlands mit Israel. In diesem Jahr feiern wir 50 Jahre diplomatische Beziehungen unserer beiden Länder. Heute bestehen eine enge wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zusammenarbeit, ein intensiver Jugendaustausch und eine Vielzahl von Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden. Hier in Berlin leben heute ungefähr 20.000 Israelis, darunter viele junge Menschen, und bereichern unsere Gesellschaft. Leider erleben wir aber auch immer wieder, wie antisemitische Äußerungen und Übergriffe unter dem Deckmantel vermeintlicher Kritik an der Politik des Staates Israel daherkommen, tatsächlich aber nichts anderes sind als Hass auf Juden. Wir brauchen nur an die Ausschreitungen bei den propalästinensischen Demonstrationen im Sommer des letzten Jahres zu denken.

Der Kampf gegen Antisemitismus ist unsere staatliche und bürgerschaftliche Pflicht. Antisemitische Straftaten werden konsequent mit allen rechtsstaatlichen Mitteln verfolgt. Jenseits dessen braucht es Begegnung und Dialog, damit das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen auch wirklich gelingt. Begegnung und Dialog sind wesentliche Voraussetzungen für Toleranz.

Abraham Geiger, an den wir heute mit diesem Preis erinnern, war ein Wegbereiter des Dialogs. Er hat den Blick für die Verwandtschaft der drei großen monotheistischen Religionen geöffnet. Besonders mit seinen Forschungen über den Islam hat er zu einer neuen, vorurteilsfreien Sicht beigetragen. Er hat zeitlebens dafür geworben, dass Religion auf Reflexion angewiesen ist. „Durch Wissen zum Glauben“ – das war sein Credo, das heute noch Leitwort des Abraham Geiger Kollegs ist. Damit hat er wegweisende Impulse gesetzt.

Dazu gehört, dass wir uns unserer Gemeinsamkeiten versichern, ohne die Unterschiede zu übersehen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Bildung und Wissenschaft für die Verständigung der Religionen. Denn durch das Verstehen der eigenen religiös-kulturellen Wurzeln wird das Verstehen einer anderen Religion erst möglich. Daran müssen wir uns vermehrt erinnern. Religiöse Bildung fördert Toleranz und schützt davor, die eigenen Überzeugungen absolut zu setzen. Sie schafft damit Voraussetzungen für Dialog. Der Bedarf dafür ist groß. Wir brauchen Orte für die Bildung von Identität, für die Vermittlung und Weitergabe fundierten Wissens, für die Forschung. In einem Wort: Wir brauchen Orte wie das Jüdische Museum oder das Abraham Geiger Kolleg.

Besonders freue ich mich, dass neben der christlichen Theologie nun auch die jüdische und die islamische Theologie ihren gleichberechtigten Platz an deutschen Universitäten finden. Und ich freue mich, dass es so viele positive Dialoginitiativen gibt, die dazu beitragen können, Vorurteile abzubauen, Differenzen anzuerkennen und Wertschätzung füreinander zu entwickeln. Eine dieser Initiativen ist das Programm mit der Überschrift „Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch“ des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks, dem ich das mit dem Abraham-Geiger-Preis verbundene Preisgeld zur Verfügung stellen möchte.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Sie mir mit der Verleihung des Abraham-Geiger-Preises entgegenbringen. Die heutige Auszeichnung ist Ansporn und Verpflichtung zugleich, mich gemeinsam mit Ihnen und vielen anderen auch weiterhin für ein gedeihliches Miteinander in unserem Land einzusetzen, damit wir es im 21. Jahrhundert schaffen, im harten globalen Wettbewerb unsere Werte und Interessen zu behaupten. Wir haben – davon bin ich überzeugt – alle Voraussetzungen dafür.

Herzlichen Dank.

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