Montag, 18. Februar 2019

Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim 100-jährigen Firmenjubiläum der Firma Ottobock am 18. Februar 2019 in Duderstadt

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
18. Februar 2019, Montag
Ort:
Duderstadt

Herr Bürgermeister, wenn man das so sieht – die Schüler draußen, nunmehr schon mit Eis versorgt; und die Big Band –, dann kann ich nur sagen: bei Ihnen ist die Welt doch in großem Maße in Ordnung. Glückwunsch dazu!

Lieber Herr Weil – sozusagen der Landesvater –,
lieber Herr Professor Näder,
liebe Ehrengäste von fern und nah,
meine Damen und Herren und
vor allem auch: liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Ottobock, die auf diese oder jene Art – ungefähr 7.000 sind es – auch an diesen hundert Jahren beteiligt sind und sicherlich an die denken, die es vor ihnen waren,

dieses Jahr ist ein wichtiges Jahr, gekrönt durch viele hundertste Jubiläen. Einige wurden schon genannt. Ich will noch an hundert Jahre Frauenwahlrecht erinnern. Damit grüße ich auch endlich die Parlamentskollegen, den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags, den Bundestagsabgeordneten Herrn Trittin und auch die, die ich vielleicht übersehen habe. Dann seien natürlich auch alle Parlamentarier aus den Landtagen und den Kreistagen gegrüßt.

Wir haben ein wichtiges Jahr – und Sie haben ein wichtiges Jubiläum: 100 Jahre. Ich habe mir die Koffer auf der Bühne angeschaut; mir wurde gesagt, das seien die des Großvaters, der damit nach New York fuhr. Heute kommt man etwas schneller dahin, aber der globale Anspruch der Firma existierte früh. Ich hatte 2007 schon einmal die Gelegenheit, Ihr Unternehmen hier in Duderstadt zu besuchen. Christian Wulff war damals Ministerpräsident. Wir haben schon damals Einblick in Ihre spektakulären Erkenntnisse nehmen können. Aber die Dinge haben sich eben auch revolutionär weiterentwickelt.

Eines zieht sich durch die Geschichte der Firma Ottobock; und das ist die Tatsache, dass Technologie den Menschen dient. Manchmal ist es bei aller Skepsis gegenüber Technologie für uns Deutsche ja auch ganz wichtig, uns immer wieder vor Augen zu halten, wie sehr wir von Wissenschaft, von Entwicklung und von der Überführung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis abhängig sind. – Dass Wissenschaft hier eine Rolle spielt, sieht man daran, dass sowohl die Präsidentin der Uni Göttingen als auch der Nobelpreisträger Herr Hell hier sind. – Diese Verbindung haben Sie immer wieder in etwas Gutes für die Menschen umgewandelt.

1919 also der Anfang als „Orthopädische Industrie“ – das Leid der Menschen im Blick, die aus dem Ersten Weltkrieg kamen, aber sofort auch – Herr Näder hat es eben gesagt – mit Sinn für Effizienz und Verlässlichkeit eines Produkts. Daraus ist dann wirklich bessere, höhere Lebensqualität geworden. Das, was uns Herr Popow eben gesagt hat, ist ja begeisternd.

Sie dürfen davon ausgehen, dass ich das Spannungsfeld von Behinderung auf der einen Seite, das oft nach Ausschluss aus der Gesellschaft aussieht, und Normalität auf der anderen Seite sehr wohl in Richtung Normalität weiterentwickeln will. Ich darf Ihnen dazu zwei Dinge sagen.

Das Erste: Ich selbst bin als Kind bei einer Einrichtung für geistig behinderte Kinder aufgewachsen. In der ehemaligen DDR wurden geistig behinderte Kinder, sofern man sie als nicht lernfähig einstufte, in die Hände der Kirche übergeben. Ich habe ein wunderbares Kinderleben mit geistig Behinderten geführt, die in einer Gärtnerei angestellt waren, die Ställe bewirtschaftet haben und mit denen ich Gespräche geführt habe. Das war für mich Normalität.

Das Zweite: Ich habe nur mit Mühe mein Physikstudium bestanden, aber nicht deshalb, weil ich Physik an sich nicht bestanden hätte, sondern weil wir in der DDR eine Sportprüfung hatten. Da musste man ein bestimmtes Ergebnis beim 100-Meter-Lauf erreichen. Da bin ich einmal durchgefallen; und ich glaube, dass ich die Nachprüfung nur deshalb bestanden habe, weil diejenigen, die die Stoppuhr in der Hand hielten, Mitleid mit mir hatten.

Wo die Behinderung oder das Handicap anfangen und wo sie aufhören, das sei also einmal dahingestellt. Das ist oft ein fließender Übergang und kann gar nicht so genau spezifiziert werden. Deshalb ist Inklusion – der Gedanke, dass wir alle Teil der Gesellschaft sind und für jeden das herausholen möchten, das seine Lebensqualität verbessert – für mich und für viele andere, die Politik betreiben, unser Grundansatz. Danke dafür, dass Sie uns das nochmals als wichtig in Erinnerung gerufen haben!

Meine Damen und Herren, Verantwortungsbewusstsein zieht sich durch diese hundert Jahre. Das ist wunderbar. Die Geschäftslage scheint zufriedenstellend zu sein. Sie sind sozusagen ein Paradebeispiel für das, was Herr Weil schon als Mittelstand und Familienunternehmen bezeichnet hat. Aber auch in einem solchen Unternehmen kann gar nicht jeden Tag nur Sonnenschein sein – harte Arbeit, immer wieder Entscheidungen, die getroffen werden müssen: In welche Richtung entwickle ich mich? Das erfordert natürlich auch immer wieder einen guten Blick auf die Wettbewerber und darauf, was sich auf der Welt tut. Denn eines erleben wir im Augenblick: Die Welt schläft wirklich nicht. Gerade auch im asiatischen Raum oder in den Vereinigten Staaten von Amerika sind viele unterwegs, die auch gut sein wollen.

Wir befinden uns gerade in einer Transformationsphase großen Ausmaßes. Die Digitalisierung und das, was daraus erwächst, ist eine neue Stufe des wirtschaftlichen Geschehens und kann, denke ich, mit Entwicklungen wie dem Buchdruck oder der Industrialisierung gleichgesetzt werden. In solchen Zeiten werden ja sozusagen Pfründe oder, wenn ich es etwas praktischer sage, Vormachtstellungen neu verteilt. Sie müssen wieder erkämpft werden. Als Kaiser Wilhelm II. noch die Idee hatte, dass das Auto bald wieder verschwinden und die Pferdekutsche wiederkommen würde, hatte bereits ein Transformationsprozess eingesetzt, in dem es, meine ich, nur ein einziger Kutschenhersteller geschafft hatte, sich zu einem Automobilunternehmen weiterzuentwickeln. Das war Karmann in Osnabrück. Alle anderen, die Pferdekutschen gebaut hatten, sind damals pleitegegangen. Deshalb müssen wir auch heute aufpassen.

Herr Näder, ich nehme das, was Sie zur Automobilindustrie sagen, sehr ernst – das gilt auch für Herrn Weil –; dazu haben wir eine gemeinsame Einstellung. Wenn weite Teile unserer Gesellschaft heute sagen, auf den einzelnen Arbeitsplatz käme es jetzt vielleicht doch nicht an, dann ist das eine ganz gefährliche Einstellung, weil im Augenblick viele, viele Dinge neu verteilt werden. Wir streiten politisch darüber, inwieweit die Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit vorrangig ist und wie neue Technologien entwickelt werden müssen. Aber dass sich unglaublich viel tut, das ist richtig und wichtig. Deshalb müssen wir – das ist ganz wichtig – dranbleiben und – das sage ich ganz offen – auch an Tempo zulegen.

Wir haben als neue Bundesregierung, die im März endlich ein Jahr im Amt sein wird, nachdem sich die Regierungsbildung schwierig gestaltet hatte, unsere Strategien sehr verbessert. Die Strategie für Künstliche Intelligenz war überfällig. Wir wollen unter anderem hundert neue Lehrstühle einrichten. Aber einfach schon der Kampf um die besten Köpfe in diesem Bereich ist alles andere als trivial. Denn überall auf der Welt werden Menschen mit Fachwissen gebraucht. Unser akademisches System ist, zum Teil von uns politisch auch nicht gerade ermutigt, manchmal auch etwas langsam. Das heißt: Geschwindigkeit plus Qualität sind das, was jetzt zählt. Auch in Ihrer Branche ist in der Kombination von Künstlicher Intelligenz und Bionik wahrscheinlich eine unglaubliche Revolution im Gange. Danke dafür, dass Sie sich dem widmen, und danke dafür, dass Sie auch schon die ethischen Implikationen mitdenken. Denn auch das wird sehr, sehr wichtig sein.

Wir kümmern uns also um Künstliche Intelligenz. Aber wir müssen uns vorher erst einmal um die Basics kümmern. So wie man Straßen und Stromnetze braucht – neue Stromnetze brauchen wir heute auch wieder für die erneuerbaren Energien –, so brauchen wir eben auch die digitale Infrastruktur. Wir haben jetzt endlich – so will ich es einmal sagen – auch mit den Betreibern ein Einvernehmen darüber, dass wir bis 2020 eine 4G-Netzabdeckung von 99 Prozent haben werden. In der Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ werden wir darüber sprechen, wie wir zu 100 Prozent kommen. Parallel beginnen wir mit dem 5G-Ausbau. Mittel- und langfristig brauchen wir natürlich überall 5G. Aber im Augenblick brauchen wir erst einmal überall 4G. Damit ist wirklich sehr viel mehr geschafft. Denn mit 4G können Sie super Videos sehen, sich bewegte Bilder anschauen und vieles, vieles tun. 5G wird dann sozusagen für die Echtzeitübertragung notwendig sein; also für das autonome Fahren, für vieles andere mehr und bei Ihnen sicherlich auch für viele Anwendungen.

Sie haben so schön davon gesprochen, dass auch die Geschäftsführung dieses Neue sehen muss. Meine Bitte geht deshalb dahin, dass wir die Digitalisierung nicht nur sozusagen im Fertigungsbereich und in den Produkten sehen – ich denke, das ist unsere Schwäche in Deutschland; und das können wir nur gemeinsam mit der Wirtschaft schaffen –, sondern vor allen Dingen eben auch im Kontakt zum Kunden. Die Frage, wie wir auf die Plattform kommen, ob die Kunden die Plattform kennen und wie man, sozusagen vom Kundendenken her, zum gewünschten Produkt kommt, ist ja noch ein zweiter Transformationsprozess, von dem ich den Eindruck habe, dass er uns Deutschen noch schwer fällt. Wenn sich aber zum Schluss die Kunden die Produkte über eine Plattform aussuchen können, die nicht von uns betrieben wird, und wenn damit jeder Hersteller, im Grunde genommen auch Zulieferer, zu einem Kundenwunsch wird, dann ist ein großer Teil der Wertschöpfungskette weg. Das haben wir beim Auto, das haben wir im Maschinenbau und das haben wir hier bei Ihnen natürlich auch. – Das eifrige Nicken von Herrn Näder zeigt mir, dass ich Eulen nach Athen trage und dass das alles bekannt ist. Aber das muss angegangen werden.

Zu der Infrastrukturaufgabe, zu der Strategie Künstliche Intelligenz, zu der Frage, wie wir zu vernünftigen Plattformen im Rahmen von Industrie 4.0 kommen und wie wir mit den vielen Daten umgehen – das wird Deutschland nicht allein schaffen; dazu machen wir europäische Clouds und europäische Plattformen –, gesellt sich vor allen Dingen die Frage der Weiterbildung, der Mitnahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Unternehmen und ihres richtigen Einsatzes. Ich glaube nicht, dass Digitalisierung zu weniger Arbeitsplätzen führt, aber sie führt zu ganz anderen Arbeitsplätzen. In diesem Bereich die Weiterbildung voranzutreiben und auch die sozialen Veränderungen in der Arbeitswelt aufzunehmen – auch das ist Gegenstand dessen, womit wir uns beschäftigen.

Meine Damen und Herren, es ist ein großer Tag – ein Tag, an dem sich zeigt, wie gut es ist, wenn ein Unternehmen in eine Stadt eingebunden ist, wenn über Wechselwirkungen Ihr Unternehmen gut eingebettet ist und davon auch der Stadt etwas zurückgegeben wird. Das gilt für viele Orte, an denen Sie sind, inzwischen auch wieder für Königsee. Sie haben vorhin Teile aus Ihrer Familiengeschichte geschildert. Das alles war Ihnen ja nicht in die Wiege gelegt. Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg ein gut laufendes Unternehmen einfach weg ist und ins Volkseigentum überführt wird, unweit von hier, dann kann ich mir lebhaft vorstellen, wie Ihre Eltern auf den Tag gehofft haben, dass das wieder zusammenwachsen kann, dass sie aber vielleicht auch nicht mehr geglaubt haben, ihn noch zu erleben.

Aber es ist vielleicht – das sei mir gestattet, Herr Bürgermeister – auch ein Zeichen dafür, welche strukturellen Schwierigkeiten wir in den neuen Ländern haben. Denn schauen Sie, was an Mehrwert aus dem Miteinander mit Ottobock nach 70 Jahren hier in Duderstadt entstanden ist, und schauen Sie, was anderen verlorengegangen ist, unweit von hier. Davon haben sie heute einen Teil wieder, aber viele Jahre haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und auch Bürgermeister diese Möglichkeiten nicht gehabt. Wenn man den Blick auf heute wirft, würde man sagen: Danke dafür, dass Sie zu einem Teil wieder zurückgegangen sind. Aber wenn man sich die ganze Spanne der ehemaligen DDR vor Augen führt, dann weiß man auch, dass das natürlich nicht so schnell aufgeholt werden kann. Es ist manchmal einer der Punkte, der – so will ich einmal sagen – in der innerdeutschen Diskussion zwischen den neuen und den alten Bundesländern eine Rolle spielt, dass es in den neuen Ländern manchmal auch Trauer und Frust gibt, dass sie nicht auf so einen Stock von Erfahrung und von gelingender Wirtschaft zurückblicken können.

Sie haben viele Pläne. Jetzt stürzen Sie noch Berlin um und machen dort ein bisschen Stimmung und Tempo. Das finde ich super; das kann Berlin brauchen. Herr Weil wird das jetzt nicht bestätigen – doch? Aber ansonsten sind Sie hier gut verwurzelt. Ich sage nicht nur für die Niedersachsen danke, sondern ich sage für uns als Bundesrepublik Deutschland: Danke für das, was Sie für Deutschland tun, zusammen mit Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern! Auf weitere gute hundert Jahre!

Herzlichen Dank!

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