Montag, 23. November 2015

Rede von Bundeskanzlerin Merkel beim Staatsakt für Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt am 23. November 2015 in Hamburg

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
23. November 2015, Montag
Ort:
Hamburg

Sehr geehrte Präsidenten und Ministerpräsidenten,
sehr geehrter Herr Erster Bürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Kabinett und den Parlamenten,
Exzellenzen,
sehr geehrter, lieber Henry Kissinger,
liebe Trauergemeinde,
vor allem: liebe Frau Schmidt und liebe Frau Loah,

wir verabschieden uns heute von Ihrem Vater und Ihrem Lebensgefährten. Wir verabschieden uns von dem Staatsmann, Politiker und Publizisten Helmut Schmidt. Es ist ein Abschied, der uns bei einem Menschen seines Alters eigentlich nicht völlig unerwartet treffen sollte, der trotzdem außerordentlich schwerfällt, der irgendwie unwirklich erscheint. Denn Helmut Schmidt war auch im hohen Alter unglaublich präsent. Zu drängenden Fragen unserer Zeit äußerte er sich klar, streitbar und prägnant bis fast zuletzt.

Helmut Schmidt wird fehlen – zuallererst natürlich seiner Familie. Ihnen, liebe Frau Schmidt, und Ihnen, liebe Frau Loah, gilt in diesen Stunden unser ganzes Mitgefühl. Helmut Schmidt wird seinen Freunden und engsten Weggefährten fehlen – wie sehr, das können wir nach den beeindruckenden Worten von Ihnen, lieber Henry Kissinger, ermessen, wie auch einfach durch Ihre Präsenz hier. Wir trauern mit Ihnen.

Helmut Schmidt wird uns allen fehlen, den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die seine Amtszeit als Bundeskanzler bewusst miterlebt haben – ob in der Bundesrepublik oder wie ich in der DDR –, genauso wie auch den vielen Jüngeren, die seinen politischen Lebensweg nur noch aus dem Rückblick kennen. Uns alle bewegt sein Tod. Tausende haben sich in die Kondolenzbücher eingetragen – oft nach langem Warten; einfach weil es ihnen wichtig war, einen letzten Gruß zu hinterlassen.

Helmut Schmidt war eine Instanz. Er hat sich in den vergangenen Jahrzehnten über alle Partei- und Generationsgrenzen hinweg als scharfsinniger Beobachter und Kommentator größten Respekt erworben. Helmut Schmidts Tod reißt eine Lücke in die politische und publizistische Landschaft. Seine Interviews und Artikel, seine Bücher und Kommentare, seine Statements und sogar seine Randbemerkungen waren eine Klasse für sich. Sie hatten ihre eigene, meinungsstarke Note.

Sein hohes Ansehen hat seinen guten Grund. Mir kommt dazu ein Wort in den Sinn: Verantwortung. Helmut Schmidt war bereit und fähig, jede Situation und jede Aufgabe, die ein Amt mit sich brachte, anzunehmen und sich ihnen zu stellen, seien sie auch noch so schwierig. Meine erste persönliche Erinnerung, an die sich diese Beschreibung knüpft, ist die von Helmut Schmidt als Senator der Polizeibehörde während der fürchterlichen Sturmflut im Februar 1962. Ich war damals sieben Jahre alt und lebte mit meiner Familie in Templin in der DDR. Meine Großmutter und meine Tante, die Schwester meiner Mutter, lebten in Hamburg – in der Stadt, in der ich 1954 geboren worden war. Durch den Mauerbau im August 1961 waren wir voneinander abgeschnitten. Und das spürten wir ganz besonders schlimm während der Sturmflut. Wir fühlten uns ohnmächtig, voller Sorge um unsere Familie in Hamburg. Im Radio konnten wir die Ereignisse verfolgen. Wir nahmen jede Nachricht auf.

Helmut Schmidt koordinierte die Rettungsmaßnahmen. Seit diesen Tagen ist er tief in mein Gedächtnis eingegraben. Wir haben ihm vertraut. Wir haben vertraut, dass er die Lage unter Kontrolle und in den Griff bekommen würde. So war es dann auch, nachdem er sich dazu entschlossen hatte – obwohl verfassungsrechtlich nicht dazu befugt –, militärische Hilfe von der Bundeswehr und anderen NATO-Streitkräften anzufordern, um so die zivilen Helfer bei der Bekämpfung der Flut zu unterstützen. Damit gelang es ihm, eine noch schlimmere Katastrophe als ohnehin schon zu verhindern und Menschenleben zu retten. Damit lebte er vor, dass außergewöhnliche Situationen außergewöhnliche Maßnahmen erfordern. Und er lebte vor, was es bedeutet, in einer solchen Situation Verantwortung zu übernehmen.

Wenn Helmut Schmidt überzeugt war, das Richtige zu tun, dann tat er es. Er war wirklich nicht immer einfach oder gar freundlich im Umgang; seine Gegner können davon auch ein Lied singen. Aber, und das zählt, er war bereit, selbst den höchsten Preis zu zahlen. Denn die Gefahr des Scheiterns bei dem, was er tat, war stets einkalkuliert – zuletzt selbst der Verlust seiner Kanzlerschaft.

Gegen teils erhebliche Widerstände auch in der eigenen Partei und in der Bevölkerung hatte sich Bundeskanzler Helmut Schmidt für den NATO-Doppelbeschluss eingesetzt. Dieser sah die Aufstellung von Mittelstreckenraketen in Westeuropa vor. Damit einher ging ein Verhandlungsangebot an die Sowjetunion, beiderseits auf diese Waffensysteme zu verzichten. Erst seinem Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers, Helmut Kohl, sollte es gelingen, den NATO-Doppelbeschluss durchzusetzen. Doch letztlich waren es der Mut, für eigene Überzeugungen einzustehen, und die Bereitschaft, Konsequenzen in Kauf zu nehmen, die Helmut Schmidt Achtung und Respekt bis heute eintrugen.

Er war standhaft. Er war sich der Bedeutung seines Handelns für andere bewusst. Er sah es als seine Pflicht an, seine politische Gestaltungskraft auf das Gemeinwohl auszurichten. Bei allem Willen zur Tat – er war davon überzeugt, dass eine Entscheidung nur dann reif zu fällen war, wenn sie vorher durchdacht und mit Vernunft durchdrungen war. Denken und Handeln gehörten für ihn untrennbar zusammen.

Zu seinem nüchternen Pragmatismus gesellte sich seine Resistenz gegenüber ideologischer Einengung. Wer kennt sie nicht, die vielzitierte Empfehlung Helmut Schmidts: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Er selbst hat die Aussage später wie folgt eingeordnet: „Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage.“ Helmut Schmidt kannte die Sehnsucht nach Idealen, nach großen Entwürfen für eine gerechtere Gesellschaft. Doch er wehrte sich gegen jede Form blinder Ideologie – sicherlich vor allem aufgrund seiner Erfahrungen im Nationalsozialismus.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Helmut Schmidt und ich gemeinsam am 20. Juli 2008 am feierlichen Gelöbnis der Bundeswehr teilnahmen, das damals erstmals vor dem Reichstag in Berlin stattfand. Helmut Schmidt war bei diesem Gelöbnis der Hauptredner und sprach zu den jungen Rekruten über seine eigene Zeit als Soldat. Er beendete seine Rede mit den Worten: „Ihr könnt euch darauf verlassen: Dieser Staat wird euch nicht missbrauchen. Denn die Würde und das Recht des einzelnen Menschen sind das oberste Gebot.“

Helmut Schmidt brannte für die Demokratie und die ihr zugrunde liegenden Werte. Gleiches gilt für die europäische Idee. Er verstand früher als viele andere, dass die Welt offener wird, dass dies neue Aufgaben mit sich bringen und eine stärkere globale Zusammenarbeit erfordern wird. Seine Kanzlerschaft fiel in eine Zeit, als Deutschland geteilt war, als sich die Großmächte in Ost und West unversöhnlich gegenüberstanden und die Weltwirtschaft infolge stark gestiegener Ölpreise eine schwere Rezession erfuhr. Die Lehre aus dieser ersten Ölkrise war, die Abhängigkeit von Erdölimporten aus den OPEC-Staaten zu verringern und die Energieerzeugung auf eine breitere Grundlage zu stellen. Dass Helmut Schmidt dabei stark auf die Atomenergie setzte, lag in der Logik der Zeit.

Damals wuchs auch seine Freundschaft mit Valéry Giscard d’Estaing, der in Frankreich im selben Jahr die politische Führung übernahm wie Helmut Schmidt in Deutschland. Gemeinsam bildeten sie in Europa ein starkes Band deutsch-französischer Zusammenarbeit, das sich hohen politischen Belastungen gewachsen zeigte.

Gemeinsam mit Präsident Giscard d’Estaing entwickelte Helmut Schmidt Strategien zur Überwindung der Wirtschaftskrise und der Inflation. Ihrer Initiative verdanken wir die Einführung des Europäischen Währungssystems, das dazu diente, die Wechselkursschwankungen zwischen den Mitgliedstaaten zu reduzieren. Das war ein mutiger Schritt. Im Rückblick zeigt sich, dass das EWS eine wesentliche Voraussetzung für einen funktionierenden gemeinsamen Markt war. Später sollte daraus die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion hervorgehen.

Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing verstetigten die Treffen der Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat. Bis dahin hatte der Austausch eher sporadisch stattgefunden. Das neue Format sollte sich als wichtiger Motor der europäischen Integration erweisen. Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing waren es auch, die die Idee entwickelten, die Staats- und Regierungschefs der größten Industrienationen zu informellen Gesprächen zu versammeln. 1975 – vor 40 Jahren – fand der erste Gipfel statt. Heute kommen wir mit größter Selbstverständlichkeit regelmäßig im Kreis der G7 und inzwischen auch der G20 zusammen. Ohne diese Treffen stünden wir auf der Suche nach Antworten auf globale Fragen – etwa der Finanzmarktregulierung, der internationalen Sicherheit oder des Klimaschutzes – ziemlich verloren da. So hat sich also Helmut Schmidt mit seinem strategischen Weitblick auch als ein Gründervater unserer Gipfeldiplomatie erwiesen.

Weise Vorausschau indes nützt nur wenig, wenn eine Gegenseite auf Unmenschlichkeit und Hass setzt. Die wohl größte Bewährungsprobe für den Bundeskanzler Helmut Schmidt war der Terrorismus der sogenannten „Rote Armee Fraktion“. Im Herbst 1977 erreichte er einen fürchterlichen Höhepunkt. Um elf RAF-Mitglieder freizupressen, wurde am 5. September Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt. Bei der Aktion wurden sein Fahrer und drei Polizeibeamte ermordet.

Die Bundesregierung mit Helmut Schmidt an der Spitze entschied sich, die Forderungen der Terroristen nicht zu erfüllen und keine RAF-Mitglieder aus der Haft zu entlassen. Sie blieb auch bei dieser Haltung, als palästinensische Terroristen ein Flugzeug der Lufthansa nach Mogadischu entführten und dieselbe Forderung stellten. Die Erpresser ermordeten den Piloten Jürgen Schumann und drohten damit, die gesamte Besatzung und alle Passagiere umzubringen. Helmut Schmidt ordnete am 18. Oktober an, die Geiseln durch die GSG 9 zu befreien. Alle 86 Geiseln wurden gerettet. Hanns Martin Schleyer jedoch wurde von seinen Entführern ermordet.

Helmut Schmidt hat mehrfach ausführlich über diese Tage im Herbst 1977 gesprochen. Vor gut zwei Jahren resümierte er: „Im Laufe des Lebens haben mich drei Erlebnisse bis in die Grundfesten meiner Existenz erschüttert. Zum einen der Tod meiner Frau. Zum anderen – viele Jahrzehnte vorher – mein Besuch in Auschwitz. Und drittens die monatelange Kette von mörderischen Ereignissen, die mit Hanns Martin Schleyers Namen verbunden bleibt.“ Helmut Schmidt war davon überzeugt, dass seine Entscheidung richtig war, dass sich ein Staat nicht erpressen lassen dürfe. Aber er wusste auch, dass er Mitverantwortung für den Tod Hanns Martin Schleyers auf sich nehmen musste.

Wir stehen an diesem Tag, an dem wir von Helmut Schmidt Abschied nehmen, wieder unter dem Eindruck grausamer Attentate. Unsere Gedanken wandern immer wieder nach Paris, zu den Opfern der Anschläge vor zehn Tagen, zu ihren Angehörigen und allen, die ihnen nahestanden. Die Motive sind heute andere, die Umstände auch. Aber Terror bleibt Terror. Menschenverachtende Mordtaten lassen sich durch nichts rechtfertigen.

Was hätte Helmut Schmidt zu den Anschlägen gesagt? Diese Frage liegt nahe; und doch verbietet sie sich. Wir müssen selbst die gebotene Antwort geben. Wir müssen selbst zeigen, dass wir verstanden haben, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Entschlossenes Handeln ist und bleibt gefragt, ebenso der internationale Schulterschluss und die klare Botschaft: Freiheit ist stärker als Terror und Hass, Menschlichkeit ist stärker als Unmenschlichkeit.

Helmut Schmidt hatte etwas zu sagen. Wir haben seine Stimme im Ohr. Sein Denken bleibt in Erinnerung. Die Spuren, die er hinterlässt, sind tief. Aus der Achtung für den Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde der Respekt für den Publizisten, wurde die Verehrung eines Jahrhundertzeugen und Elder Statesman, wurde schließlich die Zuneigung zu einem Mann, der bis ins hohe Alter mit klarem Verstand brillierte, geschliffen formulierte und mit seinen gepflegten Leidenschaften trotzdem nahbar wirkte.

Seine Urteile waren fest und sie waren sorgfältig durchdacht. Helmut Schmidt konnte andere überzeugen. Auch für diejenigen, die anderen Ansichten anhingen, war es ein Gewinn, mit ihm zu diskutieren, weil er die richtigen Fragen stellte und weil er mit prägnanten Antworten den Nagel auf den Kopf zu treffen verstand. Die Größe seiner Kanzlerschaft lag in seiner klugen und konsequenten Regierungsführung. Die Leistungen dieses Bundeskanzlers zeigten sich in den Krisen, die er zu bewältigen hatte. Helmut Schmidt bestand diese Bewährungsproben. Sie schärften seine Urteilskraft und brachten all seine Fähigkeiten zur Entfaltung. Helmut Schmidts Tod ist für uns alle eine herbe Zäsur.

Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesem großen Staatsmann, vor einem großen Deutschen und Europäer. Ich verneige mich vor dem Politiker, dem Bundeskanzler, dem unabhängigen Geist und Publizisten. Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit.

Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen.

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