Mittwoch, 11. September 2019

Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen der Kultursommernacht 2019 des Landes Sachsen-Anhalt am 11. September 2019 in Berlin

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
11. September 2019, Mittwoch
Ort:
Berlin

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Reiner Haseloff,
liebe Mitglieder der Landesregierung,
Frau Landtagspräsidentin,
liebe Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
Herr Staatsminister Hoppenstedt,
Exzellenzen – ich habe die französische Botschafterin hier unter uns gesehen; sie weiß, was Kultur bedeutet; Frankreich braucht sich dabei nicht zu verstecken –,
liebe Gäste dieses Abends,

ich freue mich sehr, heute wieder dabei zu sein. Die Landesfeste sind ganz unterschiedlicher Natur. Sachsen-Anhalt hat mit seiner Kultursommernacht wirklich ein Thema gesetzt, das man nicht bei allen Landesfesten hat. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Sachsen-Anhalt die Landesvertretung mit dem künstlerischsten Erbe gewählt hat. Der Künstlerclub „Möwe“ ist legendär und steht für alles, was in der DDR an kleinen freiheitlichen Bewegungen möglich war und wozu auch nicht jedermann jederzeit Zutritt hatte.

Ich habe den vergangenen Sonntag in Dessau in der Tat sehr genossen, weil das Bauhaus-Jubiläum und die Neueröffnung des Museums durchaus eine bemerkenswerte Sache sind. Vielleicht wissen viele Bürgerinnen und Bürger Deutschlands gar nicht ausreichend, was das Bauhaus bewegt hat. Ein Blick auf Reiner Haseloffs Apple Watch zeigt sofort die Linien zu Steve Jobs, der ja keinesfalls nur Ingenieur war, sondern auch einen guten Blick für deutsches Design hatte und wusste, dass man beim Bauhaus anknüpfen muss, wenn man etwas Zweckmäßiges und Schönes haben will.

Dass der Ort Dessau sich angeboten hat, liegt vielleicht auch daran, dass Sachsen-Anhalt in der Tat die höchste Dichte an Welterbestätten hat, die Deutschland aufweisen kann – fünf an der Zahl –, was Sachsen-Anhalt natürlich auch vor große Herausforderungen stellt. Der Bund versucht zu helfen, aber das Land versucht auch akribisch, sein Kulturerbe zu schätzen und zu schützen. Neben dem Bauhaus zählen dazu die weltberühmten Luthergedenkstätten, an die wir vor allem während des Reformationsjubiläums 2017 gedacht haben, und auch das Gartenreich Dessau-Wörlitz, wo auf kleinem Gebiet eine hohe Konzentration ist.

(Zuruf MP Haseloff: Alles in meinem Wahlkreis.)

– Alles in seinem Wahlkreis. Das musste auch noch einmal gesagt werden. –

Dann sind es noch Quedlinburg und der Naumburger Dom. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich ein Originalstück aus dem Naumburger Dom bekommen kann. Man hat mir gesagt, es sei sehr schwer. Deshalb habe ich es nicht angehoben. Gibt es jetzt eine Lücke im Dom; oder wie ist das? Wurde das Stück ersetzt oder muss ich mir Sorgen machen, dass Schädigungen eingetreten sind? – Nein. Ich habe schon ein kleines Stück vom Dach des Hamburger Michels. Da regnet es auch nicht durch. Das wurde nämlich erneuert. Insofern stammt mein Stück vom alten Dach.

Ich denke, diese Welterbestätten in Sachsen-Anhalt zeigen auch, was in den vergangenen 30 Jahren geleistet wurde, das auch internationale Anerkennung mit sich gebracht hat. Denn jede dieser Kulturstätten erstrahlt heute in weit besserem Zustand, als dies vor 30 Jahren der Fall war. Deshalb kann man heute, etwa 30 Jahre nach dem Mauerfall, auch stolz darauf sein, was alles geschafft wurde.

Aber wir stehen auch vor großen Problemen. Allein die Kulturdenkmäler machen ein Land ja nicht lebendig, sondern Menschen müssen auch ihr Heimatgefühl entwickeln können. Sie müssen sich sozusagen in ihrer Geschichtslinie wiederfinden. Das will ich an einem solchen Abend auch noch einmal zu bedenken geben. Wir müssten eigentlich mehr über unsere Geschichte wissen. Ich schließe mich dabei ausdrücklich mit ein. Der Geschichtsunterricht in der ehemaligen DDR begann meistens mit dem Jahr 1848 und endete 1919 mit Rosa Luxemburg. Wir haben wenig über die langen Linien der Geschichte gelernt. Ich denke, das ist auch etwas, das uns heute manchmal zu schaffen macht und das man auch nicht einfach wiederholen kann. Deshalb halte ich auch ein Plädoyer für den Geschichtsunterricht für die Schülerinnen und Schüler von heute, damit sie etwas über die langen Linien wissen, in denen wir leben, arbeiten und an die wir anknüpfen. Ohne unsere Vorfahren wären wir nicht das geworden, was wir heute sind. Das müssen wir einfach auch ein Stück weit weitergeben.

Deshalb ist diese Kultursommernacht Sachsen-Anhalt eine tolle Idee. Ich bin gern mit dabei. Feiert schön und denkt an all das, was unsere Vorfahren schon geschaffen haben und was wir heute auch dazutun. Denn das neue Bauhausgebäude ist ja zum Beispiel auch etwas, das wir wiederum unseren Nachfahren hinterlassen.

Alles Gute und herzlichen Dank dafür, dass ich dabei sein kann.

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