Donnerstag, 6. September 2018

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zum Empfang der Preisträgerinnen und Preisträger des 53. Bundeswettbewerbs „Jugend forscht“ am 6. September 2018

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
06. September 2018, Donnerstag
Ort:
Berlin

im Bundeskanzleramt

Meine Damen und Herren,
liebe Anja Karliczek,
lieber Herr Baszio,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

heute haben wir einen ganz besonderen Gast. Das ist Herr Wörner von der European Space Agency. Das zeigt schon, dass die Sache in diesem Jahr etwas anders verläuft als sonst; und das ist ja vielleicht auch ein kleiner Preis für die Preisträger, nämlich dass wir, wenn alles gut läuft – man weiß das nie ganz genau –, dann auch gleich eine Schaltung zu unserem Astronauten Alexander Gerst in der ISS haben werden. Ich möchte mich bei Herrn Wörner herzlich bedanken. Herr Gerst ist natürlich ein gefragter Gesprächsgast; und daher muss man auch gute Kontakte haben.

Ich glaube, Herr Wörner ist einer, der das Forschen und Nach-vorne-Schauen aus seinem eigenen Leben ausreichend kennt und Sie deshalb genauso dafür bewundert wie wir, dass Sie einen großen Wettbewerb als Preisträgerinnen und Preisträger abgeschlossen haben. Dazu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich, denn ich weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt. Deshalb ist es toll, dass Sie nicht aufgegeben haben, sondern weitergemacht haben und sogar zu einem Preis gekommen sind.

Isaac Asimov, ein russisch-amerikanischer Science-Fiction-Autor und Biochemiker, war der Meinung: „Der aufregendste Satz, den man in der Wissenschaft hören kann, (…) ist nicht ‚Heureka!‘ “ – ich habe es gefunden –, „sondern ‚Das ist ja komisch‘ “. Dieser Satz „Das ist ja komisch“ bringt zum Ausdruck, dass man auf dem Weg zu etwas Neuem ist, das man nicht erwartet und gar nicht vermutet hat. Das ist dann ein Moment, an dem, glaube ich, auch viele von Ihnen ein richtig gutes Gefühl haben. Denn meistens kommt dann auch noch heraus – das weiß ich aus meiner eigenen Zeit als Wissenschaftlerin –, dass das, was einem so schwierig erschien, plötzlich einfach wird. Aber man brauchte eben eine lange Zeit, um es vom Schwierigen und Komplizierten zum Einfachen zu bringen.

Entdecken und Forschen – das bedeutet zu staunen, in neue Gebiete vorzudringen und unbekanntes Terrain zu erobern. Deshalb ist das Motto dieses Jahres auch wunderbar gewählt: „Spring!“ Das heißt: Habe den Mut, dich auf etwas Neues einzulassen. Sie haben ja mit Ihrem Sprung nicht nur die Jury überzeugt, sondern vielleicht auch viele andere dazu ermuntert, es auch einmal zu versuchen.

Sie sind ja hier sozusagen nur die Spitze – nicht eines Eisbergs, aber einer großen Zahl von jungen Menschen, die mitgemacht haben. 12.069 junge Forscherinnen und Forscher waren an der jüngsten Wettbewerbsrunde beteiligt. Das ist die drittbeste Zahl. Insgesamt haben seit 1966 schon mehr als 270.000 junge Forscherinnen und Forscher diese Erfolgsgeschichte mitgeschrieben. Ich möchte nicht nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in diesem Jahr danken, sondern auch den vielen, die geholfen und den Wettbewerb erst ermöglicht haben.

Vorher aber noch eine statistische Zahl: 37,7 Prozent der Wettbewerbsteilnehmer waren Mädchen. Das könnte noch verbessert werden, könnte aber auch schlechter sein, muss ich sagen, weil der Anteil von Berufsanfängerinnen etwa in Software- oder in Ingenieurbereichen oft bei weniger als 30 Prozent liegt. Aber die 50-Prozent-Marke sollte unser Ziel sein. Und deshalb ermuntern Sie doch die jungen Mädchen, die sich vielleicht noch nicht trauen, bei so etwas mitzumachen, dass dabei alles mit ganz normalen Dingen zugeht, dass da nichts Besonderes dahinter ist, das Mädchen nicht auch könnten. Wir werben ja sehr dafür – Anja Karliczek und das Bundesministerium für Bildung und Forschung –, dass noch mehr Mädchen MINT-Fächer studieren. Forschen macht Spaß, macht Freude; und deshalb soll das eine Ermunterung sein.

„Jugend forscht“ ist, wie ich schon sagte, nicht nur eine große Leistung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sondern wird von einem Netzwerk aus Schulen, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien getragen und vorbereitet. Es gibt 5.000 Projektbetreuer, 3.000 Juroren und 250 Unternehmen, die sich mit einbringen. Ein besonderer Dank gilt in diesem Jahr dem Unternehmen Merck. Der Konzern hat zum dritten Mal die Bundespatenschaft übernommen. Bei Merck weiß man natürlich auch, wie wichtig Wissenschaft und Neuerung sind.

Mit Neugier und Talent kann man sich immer wieder neue Welten und Dimensionen erschließen – gerade auch in der Raumfahrt. Die Raumfahrt erweitert unser Wissen um ein Vielfaches. Sie liefert uns mit neuen Möglichkeiten der Erdbeobachtung, Kommunikation und Navigation Antworten auf wichtige Fragen, die uns alle umtreiben, wie etwa Klimawandel, Sicherheit und Mobilität. Da ist es natürlich auch so, dass man bei Experimenten vorher nicht immer ganz genau weiß, was dann hinten herauskommt. Navigationsgeräte, Handys oder der praktische Klettverschluss – das und vieles andere sind Ergebnisse, die wir der Raumfahrt verdanken. Auch Teflon, glaube ich … (Zuruf: Teflon ist die einzige Ausnahme.) – Ja, Teflon kommt, glaube ich, aus der Militärforschung. Die Raumfahrt beansprucht also nicht Teflon, sondern den Klettverschluss; auch gut.

Natürlich sind wir sehr stolz darauf, dass Alexander Gerst in der ISS im Augenblick wieder die Erde umrundet. Ich frage einmal: Wer hat die ISS an diesen schönen Abenden im Sommer einmal am Himmel gesehen? Sehr interessant, finde ich; und auch sehr erhebend; 400 Kilometer Höhe – man kann doch weit sehen – und 28.000 Stundenkilometer. Alexander Gerst hat ja bereits zum zweiten Mal die Ehre, einen Raumflug zu unternehmen. Und ich hoffe, dass wir gleich mit ihm sprechen können. Nun sind wir, glaube ich, immer noch ein bisschen zu schnell. Ich mache jetzt einfach mit meiner Rede weiter, aber ich bin jede Minute und Sekunde abrufbereit.

Die Erde schützen, den Alltag verbessern, Probleme lösen – das schreiben sich nicht nur die Weltraumfahrer auf ihre Fahnen, sondern es gibt eben auch unglaublich gute Projekte aus Ihren Reihen: Von der Messmaschine für Regentropfen – damit kann man den Verlauf von Hurrikans vorhersagen – über Öko-Akkus bis hin zu einem Gentest auf Rosenkohl-Intoleranz. Mein Gott, über die Ideenvielfalt kann man nur staunen. Das muss wohl jemand gewesen sein, der selbst intolerant gegenüber Rosenkohl ist, sonst kommt man ja gar nicht auf die Idee mit dem Rosenkohl.

Wir suchen uns ja jedes Mal besondere Preisträger aus. Und das sind dieses Mal – das verkünde ich jetzt schon, bevor wir dann hoffentlich unser Gespräch mit Alexander Gerst führen werden – Anna und Adrian Fleck aus Fulda. Wo sind Sie? – Sehr gut. Die Geschwister haben eine Art von Protektoren entwickelt, also Schutzdinge. Inline-Skater oder Motorradfahrer brauchen solche Protektoren. Seid Ihr Inline-Skater oder Motorradfahrer? – Gut, aber Forscher. Meistens sind die Schoner, die man anlegen muss, unbequem und schränken einen in der Beweglichkeit ein. Dabei kann auch die hochfunktionale und smarte Kleidung nicht immer alles übertünchen. Aber Sie haben eine ganz tolle Idee gehabt, nämlich einen Protektor aus Silikon mit einer stärkehaltigen Flüssigkeit zu entwickeln. Diese Flüssigkeit verhärtet sich bei Krafteinwirkung durch einen Sturz oder Ähnliches. Das werden wir uns dann gleich anschauen. Aber damit beginnen wir jetzt nicht mehr, sondern wir schauen erst einmal, ob wir etwas von der ISS hören und sehen.

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