Sonntag, 23. April 2017

Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Eröffnung der Hannover Messe am 23. April 2017

Redner:
Angela Merkel
Gehalten:
23. April 2017, Sonntag
Ort:
Hannover

in Hannover

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin, liebe Beata Szydło,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Professor Kempf,
sehr geehrter Herr Professor Wahlster,
sehr geehrte Kolleginnen aus dem Kabinett, liebe Frau Wanka und liebe Frau Zypries,
sehr geehrte Kommissare Oettinger und Šefčovič,
meine Damen und Herren,

es ist der Hannover Messe nicht anzusehen, dass sie in diesem Jahr 70 Jahre alt wird. Sie eröffnete, wie wir heute schon gehört haben, im Jahr 1947 zum ersten Mal ihre Tore – nur zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das war ein Wagnis. Das Land lag in weiten Teilen noch in Trümmern; und Hannover in ganz besonderer Weise. Die D-Mark war noch nicht eingeführt, die Bundesrepublik existierte noch nicht einmal. Das Land Niedersachsen gab es damals schon. Aber der Ministerpräsident musste damals noch überzeugt werden, dass die Hannover Messe eine gute Idee sei. So habe ich es zumindest dem „SPIEGEL“ aus dem Jahr 1947 entnommen; und der schreibt ja meistens die Wahrheit.

Die Gründung der Messe ging auf eine Initiative der britischen Besatzungsmacht zurück. Exporte sollten beim wirtschaftlichen Wiederaufbau helfen. Es fehlte an allem, an Unterkünften, an geeigneten Infrastrukturen. Aber es gelang in nur wenigen Wochen, das Gelände für die erste Export-Messe herzurichten. Für die Brotmarken gab es dann auch die berühmten Fischbrötchen. Schon damals kamen 1.300 deutsche Aussteller. 1.900 Exportverträge wurden geschlossen. Für damals war das ein Riesenerfolg. Die Geschichte der Hannover Messe hat sich dann auch zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Ihnen, Herr von Fritsch, gratuliere ich stellvertretend für die gesamte Deutsche Messe AG und für alle Aussteller und Beteiligten.

Die Hannover Messe ist ein Markenzeichen dieser Stadt und des Bundeslandes Niedersachsen. Sie ist aber auch eine Leistungsschau der Industrie aus ganz Deutschland. Sie steht seit jeher für die Weltoffenheit unserer Wirtschaft. Schon 1950 kamen aus dem Ausland nicht nur zahlreiche Besucher, sondern auch die ersten Aussteller. Inzwischen machen die Aussteller aus dem Ausland über 60 Prozent aus, also die deutliche Mehrheit der rund 6.500 Aussteller. Sie vertreten Unternehmen aus über 70 Ländern. Deshalb wird die Hannover Messe auch zum Spiegelbild der weitreichenden internationalen Verflechtungen Deutschlands. Wir freuen uns, dass in diesem Jahr mit unserem Nachbarland Polen ein Land Partnerland ist, dem wir ganz besonders eng verbunden sind.

Liebe Frau Ministerpräsidentin Szydło, ich begrüße Sie, die zwei Vizepremierminister und Vertreter Ihrer Regierung sowie alle 200 polnischen Aussteller und die vielen Besucher ganz herzlich hier in Hannover.

Unsere beiden Länder verbindet heute weit mehr als nur eine gemeinsame Grenze. Es haben sich vielfältige Beziehungen entwickelt – zwischen Bürgerinnen und Bürgern, in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und natürlich auch in der Politik. Die Zusammenarbeit hier inmitten Europas ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung unseres ganzen Kontinents. Wir sind als Nachbarn vor ähnliche Herausforderungen gestellt; und wir versuchen, sie an vielen Stellen gemeinsam zu lösen.

Heute mag uns unsere Partnerschaft – manchmal mehr, manchmal weniger – zur Selbstverständlichkeit werden. Wenn wir jedoch an unsere Geschichte denken, an die vielen tragischen und schmerzlichen Kapitel dieser Geschichte, dann sollte diese Partnerschaft immer etwas ganz Besonderes bleiben. Allen, die mit ihren Visionen, ihrem Mut und ihrer Fähigkeit zur Versöhnung und Verständigung geholfen haben, Türen und Tore zu öffnen, gilt unsere ganz besondere Dankbarkeit.

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es Polen, die wesentlich dazu beigetragen haben, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist. Damit wurde letztlich auch der Weg zur deutschen Wiedervereinigung frei. Das werden wir nicht vergessen. Die Werte, für die die Solidarność damals gekämpft hat, sind unverändert aktuell. Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit – darauf baut das friedliche und gedeihliche Miteinander in Europa auf. Diese Werteverbundenheit und die vielfältigen Beziehungen lassen gemeinsame Herausforderungen nicht nur als solche erkennen, sondern sie machen es auch möglich, sie gemeinsam zu bewältigen.

Tatsache ist, dass Polen und Deutschland heute enge wirtschaftliche Beziehungen pflegen. Unser Land ist seit über zwei Jahrzehnten der wichtigste Handelspartner Polens. Und umgekehrt ist Polen Deutschlands wichtigster Handelspartner in Mittel- und Osteuropa. Der bilaterale Warenaustausch wächst weiter. Er hat im letzten Jahr die Marke von 100 Milliarden Euro überschritten. Das ist eine wirklich beachtliche Größe. Bei den ausländischen Direktinvestitionen in Polen belegen deutsche Unternehmen mit einem Bestand von knapp 26 Milliarden Euro einen Spitzenplatz.

Polen punktet mit Standortqualitäten ebenso wie mit einer innovativen Industrie. Das spiegelt sich auch im Engagement auf dieser Hannover Messe wider. Insgesamt sind 200 polnische Unternehmen auf der Messe vertreten. Das ist eine Verdoppelung gegenüber dem vorigen Jahr. Viele beweisen ihre Stärken gerade auch in den Bereichen Energietechnik und IT. Insofern können wir erwarten, dass die Hannover Messe einen weiteren kräftigen Schwung in die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen bringen wird. Ich glaube, lieber Herr Kempf, auch die Zusammenarbeit zwischen unseren Industrievereinigungen kann hierdurch weiter gestärkt werden.

Meine Damen und Herren, die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind ein Beispiel für den Offenheitsgrad der deutschen Wirtschaft insgesamt. Unsere Außenhandelsquote – also die Summe von Exporten und Importen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt – lag in den vergangenen Jahren in einer Größenordnung von ungefähr 70 Prozent. Das heißt nichts anderes, als dass in Deutschland fast alle Branchen in die internationale Wertschöpfungskette eingebunden sind. In vielen deutschen Exportgütern zum Beispiel aus dem Investitionsgüterbereich und dem Anlagenbau stecken Vorleistungen aus anderen Ländern. Das gilt sicherlich auch für viele Produkte, die wir hier auf der Hannover Messe sehen werden.

Der Erfolg unseres Landes ist deshalb auch immer der Erfolg anderer Länder. Das ist zumindest unser Ansatz in der Betrachtung weltweiter Verflechtungen. Wir bekommen mit unserer relativ hohen Außenhandelsquote das Auf und Ab auf den internationalen Märkten deutlich zu spüren. Aber ich glaube, Deutschland ist auch ein gutes Beispiel dafür, welchen Vorteil der freie Austausch von Gütern, Dienstleistungen und Kapital mit sich bringt. Nicht von ungefähr zählt Deutschland zu den stärksten Wirtschaftsnationen.

Natürlich ist es anstrengend, sich immer wieder dem internationalen Wettbewerb zu stellen. Ich glaube, viele deutsche Unternehmen können das aus ihrer eigenen Firmengeschichte belegen. Trotzdem glauben wir, dass Freiheit und Offenheit die besten Marschrichtungen sind, mit denen wir alle gemeinsam erfolgreich sein können. Deshalb erteilen wir Abschottung und Protektionismus eine klare Absage, weil sie auf Dauer stets zu Verlusten führen.

Wir sprechen uns als Bundesregierung deshalb klipp und klar für einen fairen Freihandel aus. Deshalb steht auch die deutsche G20-Präsidentschaft unter dem Motto „Eine vernetzte Welt gestalten“. Wir sprechen uns für eine Stärkung des multilateralen Handelssystems aus. Das bedeutet eine Stärkung der Welthandelsorganisation.

Wir wollen, dass auch die Handelspolitik der Europäischen Union ein Beispiel dafür ist, dass Zugangshürden und Schranken abgebaut werden und wir uns auf gemeinsame Standards einigen, die in der Tat auch faire Produktionsbedingungen beinhalten. Ich denke, dass das Abkommen, das von der Europäischen Union mit Kanada geschlossen wurde – das CETA-Abkommen – ein gutes Beispiel dafür ist. Und ich fühle mich durch meinen Besuch in den Vereinigten Staaten von Amerika sehr ermutigt und denke, dass durchaus auch das Verhandeln der Europäischen Union mit den Vereinigten Staaten über ein Freihandelsabkommen ins Auge gefasst wird. Jetzt aber müssen wir erst einmal unsere Verhandlungen mit Japan abschließen. Japan war Partnerland auf der CeBIT. Wir werden uns den Herausforderungen eines offenen Welthandels mit Freude und Engagement stellen.

Meine Damen und Herren, die polnische Ministerpräsidentin hat es schon gesagt, andere haben es erwähnt: Die Europäische Union befindet sich zurzeit in einer durchaus komplizierten Phase. Hierfür steht beispielhaft die Entscheidung Großbritanniens für den Austritt aus der Europäischen Union. Am Ende dieser Woche werden wir einen Sonderrat der 27 haben, um die Leitlinien für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union zu verabschieden.

Ehrlich gesagt, einen solchen Rat hätten wir uns gerne erspart. Aber nun heißt die Aufgabe, die Verhandlungen gut zu führen. Ich denke, es ist wichtig, dass dabei alle 27 gemeinsam vorgehen. Es ist wichtig, dass wir die Qualitäten unseres Binnenmarktes verteidigen. Das ist der Markt der vier Grundfreiheiten, der erhalten bleiben muss. Wir tun dies in einem Geist, der uns Großbritannien als wichtigen Partner erhält, denn wir stehen auch vor vielen gleichen Herausforderungen. Das heißt, wir wollen auch in Zukunft mit Großbritannien gut zusammenarbeiten, allerdings auch die Vorteile des Binnenmarkts für uns erhalten.

Meine Damen und Herren, wir stehen also vor einer Vielzahl von Herausforderungen, von denen wir – Deutschland und Polen sind heute Abend hier präsent – glauben, dass wir deren Lösung bewerkstelligen können. Ein Thema, das die Hannover Messe wieder durchziehen wird, ist das Schlagwort „Industrie 4.0“. Die Hannover Messe hat dies als „Integrated Industry“ bezeichnet und durch das Motto „Creating Values“ ergänzt. Das Ganze ist also nicht nur eine technische Spielerei, sondern man will damit auch etwas erreichen. Es geht nicht nur um die Zahl der Sensoren, die irgendwo angebracht sind. – Das ist gut zu wissen. Es ist ja schön, wenn man mit Sensoren viel machen kann. – Ich habe jetzt gelernt, man möchte zeigen, dass das wirklich zu etwas nutze ist, dass man Wartungszeiten anzeigen kann und vieles mehr. So haben wir es uns in der Bundesregierung eigentlich schon immer vorgestellt, als wir unsere Digitale Agenda aufgelegt und von Industrie 4.0 gesprochen haben.

Wir wissen, dass wir in einem sich neu entwickelnden Bereich im Wettbewerb sind, dass es um Standardisierungen geht, dass es um die Frage geht, wie wir das alles ordnen, vor allem auch, wie wir das Zusammenspiel der großen Unternehmen mit den vielen mittelständischen und kleinen Unternehmen vernünftig organisieren. Deshalb ist das Modell RAMI 4.0, das mit Standards zu tun hat, eine interessante Entwicklung, die wir weiterverfolgen sollten.

Wir haben auf der Hannover Messe oft darüber gesprochen: Natürlich bedarf das alles einer Infrastruktur. Ich glaube, dass die Frage der Echtzeitdatenübertragung immer dringlicher wird. Hierbei wird es nicht nur einen Wettbewerb der Mitgliedstaaten der Europäischen Union untereinander, sondern vor allen Dingen auch einen Wettbewerb weltweit geben. Ich glaube, einen digitalen Binnenmarkt schnellstmöglich zu entwickeln, ist ein wirklich gutes Ziel, das wir als Europäische Union haben sollten.

Die Tatsache, dass Günther Oettinger hier ist, hat zumindest mit seiner früheren Beschäftigung zu tun. Jetzt ist er für das Geld verantwortlich und stellt uns hoffentlich viel davon zur Verfügung, wenn es um den Ausbau der Infrastruktur geht. Aber mir ist natürlich bekannt, dass die Europäische Kommission keine Steuererhebungskompetenz hat, aber in gewisser Weise mit den Mitgliedstaaten zusammenarbeitet. Ich glaube, wir sind uns einig, dass gerade mit Blick auf den Juncker-Plan, mit Blick auf die Investitionen, die wir zu tätigen haben, Europas führende Rolle in Fragen der Industrie 4.0 noch nicht gesichert ist und wir deshalb schleunigst alle Vorteile des europäischen Binnenmarkts auch dafür einsetzen sollten.

Ein Punkt, der mir wichtig ist und der auch hier eine große Rolle spielt: Alle Entwicklungen von Industrie 4.0, von Integrated Industry, zeigen im Grunde, dass sich die apokalyptischen Ideen, dass Arbeitsplätze verlorengehen würden, in der Praxis nicht bewahrheiten. Vielmehr erleben wir, dass neue Tätigkeiten für den Menschen entstehen. Aber dies sind zum Teil andere und vor allem auch Tätigkeiten, die ein hohes Maß an Bildung, Erfahrung und Fähigkeiten erfordern.

Deshalb – das ist eine Aufgabe für alle staatlichen Ebenen; ich schließe die Bundesregierung ausdrücklich mit ein – sind die Themen Bildung und Weiterbildung zentrale Themen. Wenn wir auf das schauen, was Unternehmen besonders bewegt, so sind dies der Fachkräftemangel und die Frage: Wo gibt es die Menschen, die die Fähigkeiten besitzen, die nun zum Teil massiv gefragt sind? Dieses Thema ist von allergrößter Wichtigkeit.

Sicherlich wird auch zu beachten sein, dass die Balance der verschiedenen Fähigkeiten nicht völlig außer Rand und Band gerät. Wenn nur noch die Rede davon ist, dass Softwareleute gesucht werden, dann kann es passieren, dass die Mechatroniker und die vielen, die andere Fähigkeiten haben, sich ein bisschen zurückgesetzt fühlen. Integrated Industry bedeutet eben, alle Fähigkeiten weiterzuentwickeln, nicht nur die Softwarefähigkeiten, sondern in gleichem Maße auch die mechanischen und die industriellen Fähigkeiten. Das ist das eigentlich Spannende an dieser ganzen Entwicklung.

Schon vor dem digitalen Zeitalter erwies sich die Hannover Messe regelmäßig als Schaufenster des technischen Fortschritts. Auf der ersten Messe 1947 waren unter anderem klappbare Kinderwagen für die Jüngeren, Zahnprothesen für die Älteren und nicht zuletzt der VW-Käfer für alle zu bestaunen. Heute machen sogenannte digitale Zwillinge, also digitale Abbilder realer Produkte, und kollaborative Roboter als Kollegen des Menschen von sich reden. Es gibt also wieder erstaunliche Einblicke in die Wunderwelt der Technik. Deshalb freue ich mich auf den morgigen Rundgang mit meiner Kollegin Beata Szydło, auf dem wir uns ein Bild von dem machen können, was alles heutzutage möglich ist. Denn wenn die Politiker nicht mehr mitlernen, können sie auch nicht die richtigen Leitplanken setzen. Also sind auch wir in unseren Weiterbildungsfähigkeiten sehr gefragt.

Ich wünsche allen Ausstellerinnen und Ausstellern alles Gute und erfreuliche Tage. Genießen Sie die Hannover Messe, das Messegelände, die Produkte und auch die Stadt Hannover, um einen Eindruck von dem Land Niedersachsen, seiner Hauptstadt und einem Stück Deutschland zu bekommen. Herzlichen Dank und alles Gute. Die Messe ist eröffnet.

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