Montag, 23. Dezember 2013

Müller-Interview

Zivilen Aufbau in Krisenregionen verstärken

Quelle:
Passauer Neue Presse

Entwicklungsminister Gerd Müller ist sich sicher: "Wir brauchen ein international abgestimmtes Konzept, um die Not der Flüchtlinge zu lindern." In einem Gespräch mit der Passauer Neuen Presse betont er, man dürfe die Augen nicht länger verschließen.

syrische Flüchtlinge
Bundesentwicklungsminister Müller fordert ein international abgestimmtes Konzept gegen die Flüchtlingsnot Foto: picture-alliance/abaca

Das Interview im Wortlaut:

Passauer Neue Presse (PNP): Die türkische Zeitung Hürriyet hat Sie mit dem "Bomber der Nation" verwechselt. Ist der Name Gerd Müller eher Fluch oder Segen?

Gerd Müller: Mit dem "Bomber der Nation" Gerd Müller verwechselt zu werden, ist doch ausgesprochen sympathisch. Wir haben auch Fußballprojekte in unseren Entwicklungsländern, aber auch in Brasilien. Mit Fußball kann man auch die Herzen der jungen Afrikaner gewinnen. Ich könnte mir vorstellen, wichtige Themen wie HIV/Aids-Prävention oder Gewaltfreiheit auch spielerisch zu vermitteln. Dies erreicht die jungen Menschen direkt. Die FIFA und Katar sollten ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden und beim Milliardenspektakel Fußball-Weltmeisterschaft nicht nur klimatisierte Stadien bauen, sondern im Rahmen eines Entwicklungsprojekts tausend Fußballplätze in Afrika, Asien und Lateinamerika finanzieren. Fußball verbindet die Welt. Ich werde versuchen, Gerd Müller und den FC Bayern München für weitere Entwicklungsprojekte zu gewinnen.

PNP: Es gibt Kritik auch von Entwicklungshelfern und Menschenrechtlern an der Austragung der Fußball-WM 2020 im Wüstenstaat Katar. Wie stehen Sie dazu?

Müller: Ich hätte die WM nicht nach Katar vergeben. Da stellt sich die Frage der Sinnhaftigkeit der Milliarden-Investitionen. In Katar muss man wie schon in Südafrika ein dickes Fragezeichen hinter den Sinn der Veranstaltung setzen. Auf der einen Seite ein vierwöchiges Spektakel, auf der anderen Seite die Verarmung der Bevölkerung - das passt nicht. Für uns stehen der Kampf gegen Hunger und die Wahrung der Menschenrechte im Vordergrund. Das ist in Katar nicht geklärt.

PNP: Die Opposition fürchtet, dass Sie als Agrarpolitiker das Ministerium jetzt zum Außenamt des Deutschen Bauernverbandes machen werden. Können Sie Ihre Kritiker beruhigen?

Müller: Die Märkte stehen den Entwicklungsländern offen. Wir müssen dort vor Ort Arbeitsplätze schaffen, wo Arbeitslosigkeit und Armut herrschen. Die Landwirtschaft kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Eine Milliarde Menschen hungern. Die Weltbevölkerung wächst täglich um 200.000 Menschen. Afrika wird bis 2050 seine Bevölkerungszahl verdoppeln. Diese Menschen müssen ernährt werden. Wir müssen dafür sorgen, dass der Armutsdruck nicht dazu führt, dass sich Millionen Flüchtlinge auf den Weg nach Europa machen. Deshalb ist die Entwicklung nachhaltiger Strukturen in der Landwirtschuft in den Entwicklungsländern ganz zentral.

PNP: Schreckliche Bilder aus Syrien und den Flüchtlingslagern - hat der Westen bei der Konfliktlösung kapituliert?

Müller: Es gibt geschätzt fünf Millionen syrische Flüchtlinge. Diese Menschen stehen vor dem Nichts, und die Scheinwerfer der Welt sind ausgeschaltet. Wir dürfen die Augen nicht länger schließen. Deutschland hat bereits rund 350 Millionen Euro Nothilfe zur Verfügung gestellt. Wir brauchen ein international abgestimmtes Konzept, um die Not der Flüchtlinge zu lindern. Kurzfristig muss es jede erdenkliche humanitäre Hilfe geben. Mittel- und langfristig muss die Infrastruktur wieder aufgebaut werden. Die Situation ist dramatisch.

PNP: Auch die Zahl der Flüchtlinge aus Afghanistan steigt. Wie steht es um die Sicherheit am Hindukusch nach dem Abzug der internationalen Truppen?

Müller: In Afghanistan gibt es zur Zeit allein 2000 Mitarbeiter von GIZ und KfW, die im Auftrag der Bundesregierung herausragende Arbeit beim Aufbau sozialer und öffentlicher Infrastruktur leisten. Die internationale Schutztruppe beendet ihren Einsatz und damit zieht auch die Bundeswehr zum großen Teil ab. Die Entwicklungshelfer bleiben. Die zivilen Helfer leisten ihre Arbeit in einer ähnlichen Gefährdungslage wie die Soldaten. Wenn jetzt nach Abzug der Truppen wieder alles in die Hand von Taliban und Warlords fällt, wären wir gescheitert. Wir sollten am Zeitplan für den Abzug festhalten. Die Sicherheit der zivilen Mitarbeiter darf in keiner Weise gefährdet werden.

PNP: Aber das Ziel, den Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttoinlandsprodukt bis 2015 auf 0,7 Prozent anzuheben, werden auch Sie nicht erreichen, oder?

Müller: Dieses Ziel haben wir fest im Blick. Das Entwicklungsministerium wird im schwarzroten Koalitionsvertrag gestärkt. Wir werden unsere Investitionsmittel aufstocken und damit den zivilen Aufbau in den Krisenregionen der Welt verstärken können. Auch die Wirtschaft muss mehr in Entwicklungsländern investieren. Das sind Investitionen in die Zukunft, von der beide Seiten profitieren.

Das Interview führte Andreas Herholz für die Passauer Neue Presse .

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